Versuchter Anschlag auf den Präsidenten erschüttert Frankreich
Chirac setzt auf Law and Order

Der französische Staatschef erhielt gestern Solidaritätsadressen aus London, Rom und Berlin. Nach dem gescheiterten Attentat vom Sonntag bekräftigte Chirac seinen Kurs: Die Innere Sicherheit und der Kampf gegen den Rechtsextremismus bleiben Prioritäten der neuen bürgerlichen Regierung in Paris.

cn PARIS. "Ach wirklich?" So lautete die lakonische Reaktion von Präsident Jacques Chirac, als ihm Innenminister Nicolas Sarkozy mitteilte, jemand habe versucht, ihn zu erschießen. Geistesgegenwärtig hatten Passanten den 25-jährigen Maxime Brunerie überwältigt, als er während der Militärparade anlässlich des französischen Nationalfeiertags am Sonntag auf den Staatschef feuern wollte. Der einzige Schuss ging daneben. Auf seinem Kommandowagen, von dem aus er die Parade anführte, hatte Chirac den Vorfall nicht einmal bemerkt.

Ob Chiracs Gleichmut gespielt war oder nicht - politisch bestätigt der dilettantische Attentatsversuch den Präsidenten: Die Innere Sicherheit wird - wie von Chirac bereits vor dem Attentat angekündigt - bis auf weiteres Frankreichs innenpolitische Debatte bestimmen. Zugleich gewinnt der Präsident an Statur. Nach dem Attentat erhielt er aus Großbritannien, Italien und von Bundeskanzler Gerhard Schröder Zuspruch.

Die stellvertretende Regierungssprecherin Charima Reinhardt sagte am Montag in Berlin, der Kanzler habe sich in einem Telegramm "sehr erleichtert" über den glimpflichen Ausgang geäußert. "Der rechtsextreme Hintergrund dieser abscheulichen Tat zeigt erneut, wie ernst wir diese Gefahren nehmen müssen", schrieb Schröder weiter. Außenminister Joschka Fischer sagte: "Ich bin froh, dass der mutmaßliche Täter festgenommen wurde und dass nichts passiert ist."

Neun Milliarden Euro für die Innere Sicherheit

Der Vorfall auf den Champs-Elysées zeigt, wie sehr der innere Zusammenhalt Frankreichs geschwächt ist. Das letzte Attentat gegen einen französischen Präsidenten fand 1964 gegen Charles de Gaulle statt, als die Gesellschaft gespalten war über die Unabhängigkeit der Exkolonie Algerien. Den Kampf gegen die innere "Unsicherheit" hat Chirac denn auch zur absoluten Priorität seiner neuen Regierung gemacht. Heute berät das Parlament über den Gesetzentwurf von Innenminister Sarkozy. Bis 2007 will der Law-and-Order-Mann 18 000 neue Polizisten und Gendarmen einstellen und in der Justiz 7000 neue Posten schaffen. Sein Motto lautet: "Repression ist die beste Prävention." Neun Milliarden Euro darf Sarkozy dafür ausgeben - um die Hälfte mehr, als Chirac im Wahlkampf versprochen hatte. Der Staatschef lobte sich und seine Regierung: "Die Versprechen werden erfüllt, zum Teil sogar mehr als das."

Aber der Schuss auf den Präsidenten zeigt: Auch mehr Polizisten - 4000 bewachten die sonntägliche Parade - können keine völlige Sicherheit garantieren. Sie helfen weder gegen Kleinkriminelle noch gegen verwirrte Einzeltäter wie Brunerie oder Richard Durn, der am 27. März acht Politiker im Gemeinderat von Nanterre am Rande von Paris erschossen hat.

Seit seinem Wahlsieg im Mai sorgt sich Chirac daher auch um das soziale Klima. Zum einen fürchtet er neue Streiks der Gewerkschaften, denen es leicht fallen dürfte, die von Wirtschaftskrise und Globalisierung verunsicherten Arbeitnehmer zu mobilisieren. Zum anderen treibt den Staatschef der hohe Anteil der Wähler um, die Rechtsextremen ihre Stimmen geben.

Attentäter Brunerie war Mitglied mehrerer rechtsextremer Gruppen, die beklagen, Parteien wie die "Front National" von Nationalistenführer Jean-Marie Le Pen seien "zu gemäßigt". Bei den Regionalwahlen vergangenes Jahr trat Brunerie im 18. Arrondissement von Paris als Kandidat der Partei MNR an, die sich 1999 von Le Pens FN abgespalten hatte. Dessen Chef Bruno Mégret, der in der ersten Runde der Präsidentschaftswahlen 2,35% der Stimmen bekommen hatte, bestritt, dass die Tat etwas mit seiner Partei zu tun habe.

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