Verteuerung des schwarzen Goldes dämpft Hoffnung auf rasche Konjunkturbelebung
Analyse: Der Westen hängt am Öl-Hahn wie ein Drogenabhängiger

Die britische Zeitschrift "Economist" brachte das Dilemma in brutaler Klarheit auf den Punkt: "Addicted to Oil" titelte das Magazin vor einigen Monaten. Die westliche Welt hängt am Ölhahn wie ein Heroinsüchtiger an der Nadel.

Immerhin, in den vergangenen drei Jahrzehnten haben wir Öl-Junkies es geschafft, die Dosis etwas zu reduzieren - vor allem durch Energiesparen und das Ausweichen auf andere Energiequellen. Der Westen verbraucht für einen Euro Bruttoinlandsprodukt (BIP) heute inflationsbereinigt nur noch halb so viel schwarzes Gold wie Anfang der siebziger Jahre. Darum ist der Anteil des Öls an den Nettoimporten auch gesunken: Nach 4,2 % vom deutschen BIP 1981 beträgt er heute nur noch rund 1,25 %. Außerdem schlagen Preisschwankungen an den Rohölmärkten heute weniger stark an den Tankstellen durch - weil Steuern vier Fünftel des Endpreises ausmachen.

Trotz allem: Das schwarze Gold ist wichtigster Schmierstoff der Konjunktur. Absolut betrachtet, wird heute mehr Öl denn je verbraucht: 1960 waren es 20 Millionen Barrel (159-Liter-Fässer) pro Tag, 1980 rund 60 Millionen, heute sind es 70 Millionen. Etwa zehn Millionen davon landen allein in den Tanks US-amerikanischer Autos.

"Ob wir es merken oder nicht: Unser gesamtes Leben wird durch den Ölpreis bestimmt", sagt Andrew Oswald, Ökonomie-Professor an der britischen Warwick-Universität. Teures Öl verdirbt längst nicht nur den Autofahrern die Freude am Fahren. Es schraubt auch andere Energiepreise in die Höhe und treibt damit die Inflation. Die Verdreifachung der Ölpreise von 1999 auf 2000 hat die Wirtschaftskrise mit verursacht. Die Preisexplosion entzog Deutschland 13,3 Mrd. Euro Kaufkraft, 0,6 % des BIP, schätzt der Sachverständigenrat.

Einige Volkswirte gehen sogar noch weiter. Der Wirtschaftsboom Ende der neunziger Jahre sei ebenfalls mit einem Ölpreis-Schock zu erklären - einem positiven. Seit Ende der achtziger Jahre lag der Ölpreis relativ stabil unter 20 Dollar je Barrel, Ende der neunziger Jahre sank er gar. Dies, und nicht die Revolution der Informationstechnologie, habe die Konjunktur beflügelt.

Diese steile These stimmt sicherlich nur zum Teil - die enormen Produktivitätsgewinne in den USA lassen sich weder wegdiskutieren noch durch billiges Öl erklären. Der Anstieg der Arbeitsproduktivität liegt in den USA deutlich über dem historischen Durchschnitt und dauert erstmals seit Jahrzehnten sogar im Abschwung an. Klar ist aber auch, dass der lange Boom ab Mitte der neunziger Jahre bei deutlich höheren Ölpreisen so nicht stattgefunden hätte - ein um zehn Dollar höherer Ölpreis kostet in den westlichen Industriestaaten rund einen halben Prozentpunkt Wirtschaftswachstum, schätzt die OECD.

Und im Vergleich zum Januar kostet ein Barrel mit über 25 Dollar schon gut sieben Dollar mehr. Falls sich die Ölpreise auf ihrem derzeitigen Niveau halten oder noch weiter steigen, wird das Folgen für die Konjunktur haben - denn alle Wachstumsprognosen gehen von einem Ölpreis zwischen 20 und 25 Dollar aus.

Klar ist, dass der Aufschwung in den USA und in Europa dann langsamer ausfällt, als es derzeit aussieht. Um die wirtschaftliche Erholung aber entgleisen zu lassen, müsste der Ölpreis auf Dauer über 30 Dollar steigen. Das könnte passieren, falls der Nahost-Konflikt weiter eskaliert und sich ausweitet und gleichzeitig die USA gegen Iraks Herrscher Saddam Hussein in einen längeren Krieg ziehen.

Doch alle kurzfristigen Prognosen über den Ölpreis sind mit größter Vorsicht zu genießen, denn kaum ein anderer Markt ist so volatil wie der für das schwarze Gold. Nicht nur von der politischen und militärischen Lage im Nahen Osten hängt der Preis ab. Entscheidend wird auch sein, wie sich die Lagerbestände in den USA entwickeln, ob die Opec die Kartell-Disziplin wahrt und ob Russland seine Fördermengen hochschraubt.

Auf längere Sicht hingegen ist das Bild ein wenig klarer. Es spricht eine Menge guter Gründe dafür, dass sich der Westen auf steigende Ölpreise einstellen sollte - nicht nur, weil die Opec womöglich irgendwann mit Russland und Norwegen ein Superkartell schmieden könnte.

Auch die politischen Risiken sind beträchtlich: Der Löwenanteil der bekannten Ölreserven befindet sich am Persischen Golf - und fast alle der weltweiten Quellen, die sich billig erschließen lassen. Die Reserven in der Nordsee hingegen sind zu 70 bis 90 Prozent erschöpft. Die Abhängigkeit des Westens vom Nahen Osten, einer der instabilsten Regionen der Welt, nimmt also wieder zu. Politische Unruhen dort können die westlichen Industriestaaten hart treffen.

Aus dem Dilemma gibt es nur einen wirklichen Ausweg: Die westlichen Öl-Junkies müssen schleunigst zur Entziehungskur.

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