Vertrauen notwendig
WCM: Eine verschwiegene Gesellschaft

Wer sich für die WCM-Aktie interessiert, muss Vertrauen mitbringen. Denn das Unternehmen lebt von Übernahmen, die lange geheim bleiben sollen.

Anleger der WCM Beteiligungs- und Grundbesitz AG haben es schwer: Sie müssen den Angaben des Vorstands voll vertrauen. Denn das Geschäftsmodell zwingt das Finanzhaus zur Geheimniskrämerei. Denn der Vorstand muss wichtige Beteiligungen verschweigen, um geplante Übernahmen nicht zu gefährden. Sie fallen daher bei Kursprognosen unter den Tisch.

Als Karl Ehlerding, Großaktionär der Frankfurter WCM, vor einigen Wochen über neue Pläne für die nächste Firmenübernahme ausgehorcht wurde, hielt sich der Hamburger Finanzjongleur bedeckt. "Dazu können wir vorher nichts sagen - vielleicht so viel: Es wird wieder ein größerer Fisch sein, einer aus dem Dax 100. Wir kaufen bereits diskret Aktien", wiegelte er hartnäckig die Fragen von Journalisten ab. In solchen Fälle hat auch der Vorstandsvorsitzende Roland Flach seine Standardformulierung parat: "Zu Investitionen oder Desinvestments sagen wir grundsätzlich nichts."

Die Zurückhaltung der WCM-Manager ist verständlich. Eine unbedachte Äußerung könnte bestehende Vertragsverhandlungen platzen lassen. "Wenn die WCM vorher erklärt, wo sie einsteigt, würde die Übernahme scheitern", erklärt Georg Kanders, Analyst bei der Düsseldorfer WestLB Panmure.

Denn Fondsgesellschaften sowie andere Großanleger würden sich sofort mit den Anteilen des Übernahmekandidaten eindecken. Der Preis für weitere Zukäufen von Aktien würde sich für WCM um Millionen verteuern. Damit würde eine bereits mit den Banken ausgehandelte Finanzierung wackeln.

Doch die erforderliche Geheimniskrämerei im Beteiligungsgeschäft, dem wichtigsten Unternehmenszweig der Frankfurter Investmentgruppe, ist ein wesentliches Hemmnis für Kapitalanleger: Denn den Aktionären fehlen hierdurch wichtige Angaben über den Wert von Aktienpaketen, die die WCM nicht an die Börse melden muss. Sie sind aber ein wesentlicher Faktor, um den Unternehmenswert zu ermitteln, der als Basis für eine aktuelle Kursbewertung dient.

Nur ausgewiesene Beteiligungen werden bewertet

Mit solchen Problemen haben auch die Wertpapieranalysten zu kämpfen. "In der Bewertung des Net-Asset-Value (Nettovermögenswert) können wir nur die Beteiligungen berücksichtigen, die das Unternehmen ausweist", erklärt Daniela Heyduck, Wertpapieranalystin bei der Hypo-Vereinsbank. Aktienpakete, die WCM an künftigen Übernahmekandidaten erworben hat, bleiben hingegen unberücksichtigt.

Die Aktienanalystin kalkuliert deshalb in ihrer Kursbewertung einen Aufschlag von ein bis zwei Euro ein. Ob sie und ihre Kollegen damit aber den tatsächlichen Unternehmenswert treffen, ist fraglich. Denn das börsennotierte Investmenthaus deckt sich meist über Jahre zu unterschiedlichen Kursen mit den Aktien der Gesellschaft ein, die sie schließlich übernehmen will.

Auffällig ist lediglich die Kursentwicklung der anvisierten Übernahmeziele. So war beispielsweise die Notierung der Klöckner-Werke AG seit Oktober 1999 kontinuierlich von acht auf rund 25 Euro angezogen, bevor der Einstieg nach monatelangen Börsenspekulationen zum jüngsten Jahreswechsel bestätigt wurde.

Ähnliches könnte möglicherweise auch beim Kasseler Düngemittelhersteller K+S (früher Kali und Salz) geschehen sein. Der Kurs des MDax-Unternehmens verdoppelte sich von Oktober 1999 bis heute auf knapp 20 Euro. Bislang hat der WCM-Vorstandsvorsitzende zwar vehement dementiert, dass der Frankfurter Beteiligungskonzern im nächsten Jahr mehrheitlich bei dem Düngemittelhersteller einsteigen werde, um den Anteil bei den Klöckner-Werken einzubringen. "An der Sache ist nichts dran", erklärte Flach vor einigen Wochen. Doch die Spekulationen reißen nicht ab. Danach soll die WCM weiterhin intensiv mit dem K+S-Großaktionär BASF über deren Anteil von 17 Prozent verhandeln.

Wenig aussagekräftig für eine Anlageentscheidung ist auch das von der WCM präsentierte Zahlenwerk: So erklärte der Vorstandschef im April, dass die WCM ein Ergebnisziel für 2001 von insgesamt 400 Millionen Euro anstrebe. Betrachtet man sich hingegen die Halbjahreszahlen, die vor kurzem in Frankfurt vorgestellt worden sind, ist dies vom bisher erwirtschafteten Ergebnis von 57,2 Millionen Euro noch weit entfernt. Wie diese Kluft geschlossen werden soll, darüber lässt Flach die Anleger im Unklaren. Der WCM-Vorstand erklärte zwar, dass im vierten Quartal Beteiligungen verkauft werden sollen. Doch nähere Angaben verweigert die Konzernspitze.

Spekulationen um Klöckner

Ein Anleger muss deshalb darauf vertrauen, dass die Prognosen des Vorstands für 2001 eingehalten werden. Denn bislang konnten Aktionären kaum erkennen, womit WCM die Erträge erwirtschaften soll. An der Börse wird hingegen spekuliert, das Unternehmen werde durch die Veräußerung des Foliengeschäfts der Klöckner-Werke mehr als eine Milliarde Mark einnehmen. Dadurch könnte die Gewinnprognose dann doch noch eingehalten werden.

Doch solche Pläne hat der Vorstand der Mischkonzern bislang abgestritten. Das Unternehmen hat bislang nur mitgeteilt, dass es zusammen mit dem Vorstand der Klöckner-Werke das bestehende Geschäft konsequent ausbauen will. Doch vor einigen Wochen kam der überraschende Strategiewechsel. Danach prüft das WCM-Management derzeit verschiedende Optionen, die auch einen Verkauf des Foliengeschäfts einschließen.

Dass sich der Vorstand hierzu nur mit vagen Andeutungen äußert, ist verständlich. Denn die Klöckner-Werke sind börsennotiert. Der Verkauf eines wichtigen Geschäftszweiges müsste unverzüglich mit einer ad-hoc-Meldung bekannt gemacht werden. Ein Anleger kann also nur darauf vertrauen und spekulieren, dass sich das Börsengerücht bewahrheitet.

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