"Vertrauen zerstört"
FAZ-Herausgeber Müller-Vogg vom Amt entbunden

Die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" kommt nicht zur Ruhe: Nach 13 Jahren wurde FAZ-Mitherausgeber Hugo Müller- Vogg wegen "zerstörter Vertrauensbasis" mit sofortiger Wirkung vom Amt entbunden.

FRANKFURT (dpa-AFX) - Am Mittwoch war sein letzter Arbeitstag als Herausgeber des FAZ-Lokalteils "Rhein-Main-Zeitung" und der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung". Die übrigen vier Herausgeber Günter Nonnenmacher, Jürgen Jeske, Berthold Kohler und Frank Schirrmacher hätten dies am Dienstag "schnell und einstimmig" beschlossen, sagte der FAZ-Aufsichtsratsvorsitzende Hans-Wolfgang Pfeifer. Die FAZ (verkaufte Auflage von 400 000 Exemplaren) ist zusammen mit der "Süddeutschen Zeitung" Auflagenführer bei den überregionalen Tageszeitungen. In das Traditionsblatt war erst kürzlich Unruhe gekommen, als der Wechsel von drei prominenten Feuilleton-Redakteuren zur SZ nach München bekannt wurde.

Die Kündigung sei die Eskalation eines seit längerem schwelenden Konfliktes gewesen, erläuterte Pfeifer am Mittwoch. "Irgendwann kommt dann jemand und sagt, er hält das nicht mehr aus. Das haben in dem Fall vier Leute getan." In den Medien war über Indiskretionen als Anlass für die Kündigung spekuliert worden. Müller-Vogg habe Interna an die Tageszeitung "Welt" weitergegeben. "Darüber ist geredet worden, das mag einer der Gründe gewesen sein", sagte Pfeifer, "aber es war eine ganze Fülle von Vorgängen. Wenn ein Verhältnis zerrüttet ist, geschieht das nicht von heute auf morgen."

Pfeifer betonte, die Trennung von Müller-Vogg habe keinen politischen Hintergrund. Die "Welt" hatte kürzlich von einem politischen Richtungsstreit zwischen Müller-Vogg und Schirrmacher geschrieben. Der CDU-nahe Müller-Vogg habe sich in der "Rhein-Main- Zeitung" kritischer mit der Vergangenheit von Außenminister Joschka Fischer auseinandergesetzt als der für das Feuilleton zuständige Schirrmacher. Nonnenmacher hatte diese Darstellung der "Welt" als "absoluten Blödsinn" zurückgewiesen.

Pfeifer nannte es am Mittwoch "aberwitzig", die Kündigung "am Fall Fischer aufzuhängen. Mann muss schon eine ziemlich ausgefranste Fantasie haben, um das ausgerechnet auf die Politik zu schieben." Das Nachrichtenmagazin "Der Spiegel" spekulierte in seiner Online- Ausgabe, dass es zwischen den Herausgebern auch Differenzen über den geplanten Bayern-Teil der FAZ gegeben habe.

Über die Nachfolge Müller-Voggs ist bislang nicht entschieden. "Ich glaube nicht, dass wir uns da viel Zeit zu nehmen brauchen oder das wollen", sagte Nonnenmacher. Die Rhein-Main-Redaktion sei eine zu wichtige Redaktion und das Herausgebergremium ein zu wichtiges Gremium, um die Position länger unbesetzt zu lassen. Nach Angaben Pfeifers hat es noch keine Gespräche mit potenziellen Nachfolgern gegeben. Mehrheitsgesellschafter der FAZ ist die FAZIT-Stiftung, die Herausgeber halten zusammen knapp fünf Prozent und sind nicht gewinnberechtigt.

Die Regularien sehen nach Angaben Pfeifers vor, dass die vier Herausgeber Vorschläge machen, über die dann beraten wird. Die Herausgeber müssten mehrheitlich entscheiden, also mindestens mit drei Stimmen zu einer. "Aber es wäre nicht intelligent, einen Herausgeber zu bestimmen, wenn einer von ihnen Bedenken hat", meinte Pfeifer. Die Anteile Müller-Voggs am Blatt gehen an seinen Nachfolger über.

Müller-Vogg ist nach Paul Sethe und Jürgen Tern in der gut 50- jährigen Geschichte der FAZ erst der dritte Herausgeber, dem gekündigt wurde. Die beiden anderen Fälle liegen bereits Jahrzehnte zurück. Der 53-jährige gebürtige Mannheimer begann seine FAZ-Laufbahn 1977 in der Wirtschaftsredaktion. Weitere Stationen waren Düsseldorf und New York. Von dort kehrte Müller-Vogg 1988 als FAZ-Herausgeber zurück.

Hessens Regierungssprecher Dirk Metz (CDU) sagte zu der Entlassung auf Anfrage, Müller-Vogg sei eine "markante profilierte Persönlichkeit". Auch wenn die Landesregierung sich nicht in die Belange einer angesehenen Zeitung einmische, wolle er nicht verhehlen, "dass Müller-Vogg ein Gesprächspartner war und ist, den wir schätzen". Die Entwicklung tue ihm und Ministerpräsident Roland Koch "menschlich leid", sagte Metz. "Jedes Gespräch mit ihm war und ist ein Gewinn."

Erst vor zwei Wochen war bekannt geworden, dass der Ressortchef im FAZ-Feuilleton, Ulrich Raulff, Literaturchef Thomas Steinfeld und die Berliner Kultur-Korrespondentin Franziska Augstein zur "Süddeutschen Zeitung" gehen.

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