Vertrauenseinbruch kompensiert positive Konjunktursignale
Eurokonjunktur unter Schockeinwirkung

Erwartungsgemäß haben die Terroranschläge zu einem schlagartigen Vertrauensverlust bei Investoren und Konsumenten im Euro-Raum geführt. Dies sollte nicht den Blick dafür verstellen, dass die monetären Konjunktursignale derzeit sehr positiv sind und alle Voraussetzungen für eine Erholung im nächsten Jahr bieten.

HB DÜSSELDORF. Der Handelsblatt- Eurokonjunktur-Indikator blieb im November mit 1,1 % auf niedrigem Niveau, hat jedoch gegenüber dem um 0,1 Prozentpunkte nach oben korrigierten Vormonatsergebnis nicht weiter nachgegeben. Seinen Vorjahreswert unterschreitet er nun um 2,4 Prozentpunkte.

Negativ wirkte vor allem der schockartige Vertrauensverlust von Industrie und Konsumenten, der in den Oktoberumfragen der Europäischen Union erstmals in vollem Umfang sichtbar wurde. Dem stehen allerdings auf der anderen Seite überwiegend positive "harte" Konjunkturdaten gegenüber.

Insbesondere die monetären Rahmenbedingungen sind alles andere als restriktiv und bieten bei gleichzeitig rückläufiger Inflationsrate eigentlich alle Voraussetzungen für einen neuen Aufschwung. Entscheidender Hemmschuh ist derzeit vor allem der um sich greifende Pessimismus. Die von der Europäischen Kommission erhobenen Stimmungsdaten liegen aber per Saldo immer noch günstiger als im langjährigen Durchschnitt und überwiegend auch deutlich über den Negativwerten vergangener wirtschaftlicher Schwächephasen. Ihre jüngste Eintrübung dürfte zum Teil auch eine Überreaktion auf den Terrorschock am 11. September sein, die sich in den kommenden Monaten rasch korrigieren könnte.

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Das Industrievertrauen in der Euro- Zone ist im Oktober von-11 auf-16 Punkte abgesackt, hauptsächlich auf Grund drastisch reduzierter Produktionserwartungen und rückläufiger Auftragseingänge. Bemerkenswerterweise fiel dabei die negative Reaktion bei den Exportorders gegenüber der Nachfrageentwicklung insgesamt eher moderat aus. Offenbar macht die schwache Binnennachfrage den Unternehmen derzeit noch mehr zu schaffen als die Risiken der Weltkonjunktur.

Dass es keineswegs nur die Auswirkungen der Terroranschläge sind, welche die Konjunktur im Euro-Raum belasten, zeigt auch ein Blick auf die Kapazitätsauslastung im verarbeitenden Gewerbe. Sie ging im vierten Quartal, dessen Wert freilich schon im Oktober ermittelt wird, zum dritten Mal in Folge zurück und liegt nun mit 81,9 % nach 83 % im Juli nur noch minimal über dem Durchschnitt der 90er-Jahre.

Der Anstieg der Industrieproduktion um 1,1 % im August hat in Anbetracht der jüngsten Entwicklungen nur wenig Aussagekraft, zumal ihm im Vormonat ein Einbruch in gleicher Größenordnung vorausgegangen war.

Auch das Konsumentenvertrauen hat sich im Oktober weiter von-9 auf-10 Punkte eingetrübt. Es liegt damit aber noch etwas über dem langjährigen Mittel von-12 Punkten im Euro- Raum. Sorgen bereitet den Verbrauchern allerdings weniger ihre persönliche Situation als vielmehr die allgemeine wirtschaftliche Lage, vor allem in der näheren Zukunft. Trotzdem ist die ohnehin geringe Bereitschaft zu größeren Anschaffungen nochmals zurückgegangen, und in Erwartung wieder steigender Arbeitslosenzahlen ist auch die generelle Neigung zum Geldausgeben geringer geworden.

Entsprechend trübe sieht der Einzelhandel in die Zukunft, dessen Vertrauensindex sich im Oktober weiter von-6 auf-9 Punkte verschlechterte. Noch schlimmer hat es den Dienstleistungssektor im Euro-Raum erwischt, dessen Vertrauen von +12 auf-2 Punkte auf einen absoluten Tiefstand stürzte.

Erfahrungsgemäß kann sich eine schlechte wirtschaftliche Grundstimmung unter Umständen rasch wieder umkehren, wie auch die Entwicklung der Vertrauensindikatoren für die Euro-Zone in den vergangenen Jahren belegt. Zumindest von der monetären Seite her sind dafür die Voraussetzungen durchaus günstig. So ist die in den Handelsblatt-Eurokonjunktur-Indikator eingehende Geldmenge M2 mit einer Zuwachsrate von 5,4 % im September (nach 4,3 % im August) inzwischen auf deutlichen Expansionskurs gegangen. In noch stärkerem Maße gilt dies für die weiter gefasste Geldmenge M3, die zuletzt gar um 7,7 % (nach 6,6 % im August) über ihrem entsprechenden Vorjahresstand lag.

In Anbetracht des Geldmengenziels von lediglich 4,5 % und des schwachen Wirtschaftswachstums liegt angesichts solcher Zuwachsraten die Sorge um ein Wiederaufflackern der Inflation durchaus nahe. Dass die Europäische Zentralbank ihren Leitzins am vergangenen Donnerstag gleichwohl noch einmal um einen halben Prozentpunkt gesenkt hat, muss insoweit überraschen.

Kaufkraft der Verbraucher gestärkt

Noch ist die aktuelle Inflationsrate im Euro-Raum mit 2,5 % im September (nach 2,8 % im Vormonat) freilich auf dem Rückzug. Ersten Schätzungen zufolge dürfte sie im Oktober weiter auf 2,4 % gesunken sein. Konjunkturell ist diese Entwicklung auch deswegen wichtig, weil auf diese Weise die Kaufkraft der Verbraucher gestärkt und das Zinsniveau tendenziell niedrig gehalten wird.

So ist nicht nur der Dreimonatszins Euribor im Oktober weiter von 3,98 % auf 3,6 % gesunken, auch die Rendite für zehnjährige Staatsanleihen dürfte sich im Monatsdurchschnitt von 5,0 % auf ca. 4,8 % weiter ermäßigt haben - amtliche Angaben dazu liegen allerdings noch nicht vor. Die in den Handelsblatt-Eurokonjunktur-Indikator eingehende Zinsdifferenz hat sich damit im Oktober weiter auf rund 1,3 Prozentpunkte erholt.

Nach jüngsten, korrigierten Berechnungen des europäischen Statistikamtes Eurostat hat das Wirtschaftswachstum im Euro-Raum im zweiten Quartal - umgerechnet auf die gleitende Jahresrate - nur noch 2,3 % betragen statt 2,6 % nach den bisherigen Zahlen. Für das Gesamtjahr 2001 sagt der Handelsblatt-Euro-Indikator derzeit ein Wachstum von 1,5 % voraus.

Für das erste Quartal des kommenden Jahres lässt der Indikator mit seinen Monatswerten von Oktober und November dieses Jahres einen weiteren Rückgang der gleitenden Jahresrate des Bruttoinlandsprodukts in der Euro-Zone auf nur noch 1 % erwarten. Diese Voraussagen stehen allerdings nach wie vor unter dem Vorbehalt der weiteren Entwicklung im Afghanistankrieg und könnten unter Umständen noch zu optimistisch sein. Wichtiger ist allerdings die Frage, wie es im weiteren Verlauf des kommenden Jahres weitergehen wird. Zumindest von der monetären Seite her besteht durchaus die Aussicht, dass nach Überwindung der psychologischen Barrieren dann ein neuer Konjunkturaufschwung einsetzen könnte.

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