Vertreter der Anlegerinteressen in Deutschland unter der Lupe
Aktionärsschützer: Lobby mit zu guten Kontakten

Die Schutzverbände DSW und SdK vertreten die Interessen der Anleger. Sie sind aber auch mit den Unternehmen verzahnt.

Verbalprügel für Bayer: "Auf so einen Supergau muss ein Unternehmen vorbereitet sein und schnell darauf reagieren", schimpft die Vertreterin der Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW) auf der Hauptversammlung des Konzerns. Das Krisenmanagement in Zusammenhang mit dem Cholesterinsenker Lipobay sei unprofessionell gewesen. "Die Konkurrenz hat sich ins Fäustchen gelacht." Applaus in der Halle.

Egal, ob es sich um die angeblich intransparente Informationspolitik eines Unternehmens, das vermeintlich kundenunfreundliche Verhalten einer Bank oder ein neues Finanzgesetz der Regierung handelt - kaum eine Woche vergeht, ohne dass sich die bekanntesten Aktionärsschützer dieses Landes öffentlich zu Wort melden. Die DSW und ihre Konkurrenzorganisation, die Schutzgemeinschaft der Kleinaktionäre (SdK), gelten als die wichtigsten Vertreter der Anlegerinteressen in Deutschland. Auf Hauptversammlungen genießen die Verbandsvertreter Rederecht an prominenter Stelle, die Medien zitieren sie eifrig und die Regierung zieht sie in Fachfragen zu Rate.

Beiden Verbänden bescheinigen Beobachter ein professionelles Arbeiten. "Die Zeiten, in denen die sich hingestellt haben und einfach nur mehr Dividende gefordert haben, gehören der Vergangenheit an", sagt Rolf Drees, Sprecher der Fondsgesellschaft Union-Investment. Die Argumentation sei wesentlich differenzierter geworden, bestätigt auch der Sprecher einer anderen großen Investmentgesellschaft.

An der Notwendigkeit einer effizienten Aktionärslobby gibt es generell kaum Zweifel - schließlich sind die Banken und Unternehmen auch in starken Verbänden organisiert. Jedoch, so betont nicht nur der Kapitalmarktexperte Wolfgang Gerke: "Die Interessenfreiheit dieser Verbände muss natürlich garantiert sein."

Für ein gewisses Unbehagen sorgen in diesem Zusammenhang Ermittlungen der Staatsanwaltschaft gegen den Präsidenten der DSW, Roland Oetker, wegen des Verdachts auf Insiderhandel. Er könnte nach Erkenntnissen der Ermittler sein frühzeitiges Wissen über zwei bevorstehende Fusionen ausgenutzt und dadurch Geld mit Aktienkäufen verdient haben. Oetker bestreitet die Vorwürfe allerdings. Die DSW hält an ihrem Präsidenten fest.

Interessenkonflikte inklusive

Doch auch unabhängig davon fürchten Beobachter mögliche Interessenkonflikte. Im Vorstand der DSW finden sich nämlich teilweise genau jene Personen, deren Arbeit die Aktionärsschützer kritisch begleiten sollen: beispielsweise Hero Brahms, Vorstand bei Linde, Metin Colpan, Vorstandsvorsitzender bei Qiagen oder Dietrich Walther, Vorstand bei Gold-Zack. Die DSW betont, dass die Bezeichnung Vorstand für dieses Gremium irreführend sei und plant eine Umbenennung in "Kuratorium". Die Herren hätten schließlich nur beratende Funktion. Für operative Entscheidungen sei die hauptamtliche Geschäftsführung unter Ulrich Hocker zuständig.



Ein Blick in die Satzung der DSW zeigt jedoch, dass der Vorstand durchaus über wichtige Kompetenzen verfügt: "Der Vorstand ist für alle Angelegenheiten von besonderer Wichtigkeit oder von besonderer finanzieller Tragweite zuständig. Er beschließt über die Grundsätze der Arbeit der Schutzvereinigung", heißt es in § 7, Absatz 3. Zudem wird aus den Vorstandsreihen das Präsidium gebildet, das wiederum über Anstellung und Abberufung der Geschäftsführer entscheidet.

Wenig Berührungsängste mit den von ihnen zu kontrollierenden Unternehmen zeigt die DSW auch bei der Besetzung deren Aufsichtsräte. Gleich in 23 Gremien dieser Art sind die Düsseldorfer vertreten. Die SdK verfügt über drei Mandate. Bei den Verbänden heißt es, so könnten die Interessen der Aktionäre besser wahrgenommen werden.

Die Versuchung ist groß

Union-Sprecher Drees kann dieses Argument nicht überzeugen. "Die Versuchung ist trotzdem groß, eher mal ein Auge zuzudrücken, um eigene Interessen nicht zu gefährden." Schließlich ist ein Aufsichtsratsposten durchaus lukrativ. Die Mitglieder des Gremiums erhalten eine Vergütung, die bei VW für das Jahr 2001 circa 100 000 Euro betrug. Von den Zahlungen führen die DSW-Räte nur einen je nach Unternehmen unterschiedlich hohen Anteil an die Organisation ab, maximal jedoch 50 Prozent. Den Rest dürfen sie behalten. Die SdK schweigt sich bislang über die Höhe des verbleibenden Anteils lieber ganz aus.

DSW-Geschäftsführer Hocker begründet die teilweise Überlassung der Bezüge damit, dass die entsandten Vertreter schließlich ein Haftungsrisiko eingehen, falls sie im Rahmen ihrer Aufsichtsratstätigkeit verklagt würden. Außerdem seien die Vergütungen für die DSW-Funktionäre eine Art Gehaltsbestandteil, da die Organisation nur wenig zahlen könne. Hocker betont, dass es zwischen einem DSW-Aufsichtsrat und einem DSW-Hauptversammlungsredner keinen Kontakt gebe. "Das haben wir intern ausgeschlossen".

Nicht ausschließen kann Hocker allerdings, dass DSW-Mitglieder Aufträge von Unternehmen annehmen, obwohl sie diese in der Rolle der Anlegerschützer beobachten sollen. "Wir wollen qualifizierte Leute für unsere Arbeit gewinnen, das wäre bei so einem Verbot schwierig." Hintergrund: Viele der ehrenamtlichen DSW-Aktionärsschützer sind als Anwälte tätig. Theoretisch wäre es denkbar, dass sie ein lukratives Mandat eines Großunternehmens übernehmen. Welche Auswirkungen das auf ihre Unabhängigkeit als Aktionärsschützer hat, sei dahingestellt.

Die SdK betrachtet die Laisser-faire-Haltung der DSW jedenfalls mit Kopfschütteln: "Bei uns wäre so etwas nicht möglich", sagt Sprecherin Reinhild Keitel.

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