Verunsicherte Kunden
Tag der Abrechnung für Online-Bezahlsysteme

Deutsche Kunden sind misstrauisch: Drei von vier Online-Bezahlsystemen werden bald vom Markt verschwinden.

Die Herren mit den Goldketten kamen als erste und wollten Kunden werden. Doch bei Christoph Klug, dem Geschäftsführer von In Medias Res, lösten sie eher Unbehagen aus als Hoffnung auf ein gutes Geschäft. Als Anbieter des Internet-Bezahlsystems Net 900 hatte Klug als potenzielle Kundschaft nicht unbedingt Deutschlands Porno- Könige im Sinn. Auf Verleger, Klingeltonverkäufer oder Portale hatte er gehofft - die jedoch kamen deutlich zögerlicher.

Klug weiß zwar, dass der Konkurrenzdruck für Bezahlsysteme hoch ist. Dennoch will er kein Inkasso für Porno-Offerten betreiben - die "Schmuddel-Branche" musste sich selbst behelfen: Wie der Geschäftsführer feststellte, "haben sich die Herren inzwischen eigene Lösungen gebaut".

Silberstreif am Horizont

Aber auch ohne Sex-Vertrieb gibt es für die Anbieter von Bezahlsystemen einen Silberstreif am Horizont. Der flaue Online-Werbemarkt zwingt Inhalteanbieter wie Verleger und Portalbetreiber dazu, das Ende der Gratis-Kultur im Netz nicht mehr nur wortreich einzuläuten, sondern konkret zu beginnen.

Doch nicht jeder Bezahldienstleister dürfte davon profitieren. Inzwischen sind für das Web weit mehr Abrechnungssysteme auf dem Markt als in der realen Welt: Kreditkarte und Bezahlpunkte, Handy und Lastschrift - da ist theoretisch alles möglich. Im Internet gibt es aber jede dieser Varianten von einem Dutzend Anbieter oder mehr und bei jedem muss sich der Nutzer einzeln registrieren - ein Aufwand, der abschreckt.

Viel zu viele Anbieter, meinen die Berater von Mummert und Partner. Sie erwarten sogar, dass drei von vier digitalen Bezahllösungen bald verschwinden. Einerseits, weil noch immer viel zu wenige Konsumenten ihre Waren im Netz kaufen. Andererseits misstrauen die Kunden laut Mummert den neuen Zahlsystemen. Ihr Urteil: Zu unsicher und kompliziert.

Bisherige Systeme sind teuer

Noch müssen sich die Surfer bei fast allen Verfahren anmelden, ihre Kreditkartennummer eintippen oder sich wie bei Net 900 vor ihrem Einkauf eine Software herunterladen. Kein Wunder, dass auf der Liste der beliebtesten Bezahlmethoden im Internet noch immer die ganz gewöhnliche Rechnung steht, gefolgt vom Lastschriftverfahren und der Zahlung per Nachnahme. Alles könnte also ganz einfach sein, aber diese Systeme sind dem Handel nun einmal nicht recht: Sie sind teuer und aufwändig.

Die anderen will der Kunde nicht: Bisher konnten sich neue Bezahlangebote kaum etablieren, belegt eine aktuelle Studie unter 11 000 Surfern des Instituts für Wirtschaftspolitik und Wirtschaftsforschung der Universität Karlsruhe. "Momentan hat noch kein Online-Bezahlsystem die kritische Kundenmasse erreicht", stellt der Karlsruher Wissenschaftler Karsten Stroborn fest. Er gibt zu bedenken: Auch im Web hängt die Wahl des Bezahlverfahrens davon ab, wie hoch der zu bezahlende Betrag ist. Schließlich kauften Kunden ihre 50 Liter Super in der realen Welt gerne per Kreditkarte, Obst und Gemüse zahlten sie lieber bar. Vergleichbar handelten Käufer im Web.

Wer hat am Ende die Nase vorn?

Der Erfolg einer Bezahllösung wird noch auf sich warten lassen und wer am Ende die Nase vorn hat, ist völlig offen. Für Mathias Entenmann, Vorstandschef von Paybox - einem Anbieter für das Bezahlen per Handy - liegt die kritische Größe für eine Marktdurchdringung bei "mehreren Millionen Nutzern". Paybox kann bisher nur 750 000 registrierte Nutzer vorweisen.

Vorteil des Systems: Die Kunden sind gewohnt, für jedes Telefonat und jede SMS zu zahlen - sie assoziieren das Handy bereits mit Kosten im Gegensatz zum Internet, das bisher ein Paradies für Gratisdienste und-informationen war.

Je mehr Web und Handy zusammenwachsen, desto stärker drängen auch die Telekom-Anbieter auf den Bezahlmarkt. Das Ergebnis: Noch mehr Anbieter, noch mehr Systeme. Ob T-Mobile, E-Plus oder Vodafone - sie alle basteln an Lösungen oder kaufen sie ein.

Da wundert es nicht, dass selbst in der Branche Hoffnungen auf eine Angleichung keimen: Nutzer und Händler, Banken und Mobilfunker sollen sich auf ein System einigen, ist die Forderung So sagt etwa Rainer Wiedmann, Präsident des Multimedia Verbandes: "Bislang entwickelt in Deutschland jeder seinen eigenen Standard." Das verunsichere die Kunden und verspreche wenig Erfolg.

Wie es anders funktionieren kann, zeigt ein Blick auf den spanischen Markt. Nach einer wenig Erfolg versprechenden Startphase, in der auch dort verschiedenste Systeme miteinander konkurrierten, einigten sich im vergangenen Jahr alle Mobilfunkbetreiber und 80 % der Banken auf eine gemeinsame Zahlplattform: Mobipay.

Der Systemstart in ganz Spanien ist für Ende Juni geplant und soll den Online-Einkauf vereinfachen. Aber die Spanier hatten es einfacher, meinen die Telekommunikationsexperten der spanischen Beratung Diamond Cluster. Der Banken- und Telekommunikationsmarkt in Spanien ist weniger fragmentiert als der deutsche.

Ob sich Mobipay auch hier zu Lande durchsetzen wird - geplant ist der Markteintritt frühestens 2003 - ist daher nach Einschätzungen der Experten ungewiss. Dafür müssten sich die deutschen Unternehmen nicht nur auf ein gemeinsames, sondern auch noch auf ein ausländisches System einigen.

T-Mobile und Vodafone planen neue Lösung

Mehr Erfolg in Deutschland könnten nach Ansicht der Berater zwei andere Unternehmen haben: Vodafone und T-Mobile. Auf der Cebit kündigten sie an, sich für eine gemeinsame Handy- Lösung von Brokat entschieden zu haben, die sie gemeinsam zur Marktreife bringen wollen. Sie wäre wie auch Paybox sowohl via Handy in der Fußgängerzone als auch beim Online-Einkauf zu gebrauchen.

Diesen Vorteil haben inzwischen auch die ersten Kunden erkannt: Im Vergleich zum Vorjahr verdoppelte sich die Anzahl der Handy-Zahler unter den Surfern nach Angaben der Karlsruher Uni auf 6,8 %. Auch reine

Internet-Bezahldienstleister wie Net 900 oder Firstgate verbuchen deutliche Steigerungsraten.

Das Fazit von Studienautor Stroborn: "Bedenkt man, wie lange die Kreditkarte in Deutschland gebraucht hat - ohne sich bis heute vergleichbar wie in anderen Ländern durchzusetzen - ist das schon ein Erfolg."

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