Verwirrende Situation im Telekom-Aufsichtsrat
Noch keine Mehrheit für Sommer-Abwahl

Für den von der Bundesregierung betriebenen Führungswechsel bei der Deutschen Telekom ist die erforderliche Mehrheit im Aufsichtsrat offenbar noch nicht gesichert.

Reuters FRANKFURT. "Es ist den Arbeitnehmervertretern im Aufsichtsrat bis jetzt nicht klar gemacht worden, aus welchen Gründen Sommer abgelöst werden soll," sagte der Sprecher der Gewerkschaft Verdi, Hermann Zoller am Montag. Noch am Wochenende hatte es in informierten Kreisen geheißen, dem Aufsichtsrat solle am Dienstag Technik- Vorstand Gerd Tenzer als Nachfolger Sommers vorgeschlagen werden, seine Wahl gelte als sicher. Für eine Ablösung Sommers und die Wahl Tenzers ist der Bund auf die Arbeitnehmer im Aufsichtsrat angewiesen, die zehn der 20 Mitglieder stellen. An der Börse folgte auf die Euphorie über die mögliche Ablösung Sommers am Montag Ernüchterung, da Analysten Tenzer nur als Notlösung ansehen. Die Telekom-Aktien tendierten im frühen Handel mit minus sieben Prozent bei 11,33 Euro deutlich schwächer als der Markt.

Verwirrende Situation im Aufsichtsrat

Zoller sagte weiter, im Augenblick sei die Situation sehr verwirrend. "Ich glaube nicht, dass eine Entscheidung vor der eigentlichen Aufsichtsratssitzung fällt." Der Bund ist mit 43 Prozent größter Aktionär des Konzerns. Sommer war durch den starken Kursverfall der Telekom-Aktie in die Kritik geraten und hatte zuletzt auch die Unterstützung der Bundesregierung verloren.

In Telekom-Kreisen hieß es, Tenzer gälte als "Königsmörder", falls er seiner Nominierung zustimmen sollte. Der acht Mitglieder umfassende Vorstand hatte sich am Donnerstag geschlossen hinter Sommer und die Firmenstrategie gestellt. "Es gibt eine Front gegen ihn" zitierte die "Financial Times Deutschland" aus Vorstandskreisen. Finanzchef Karl-Gerhard Eick lehnte eine Führungsaufgabe im Vorstand nach einem Ausscheiden von Sommer ab und durchkreuzte damit Überlegungen, eine Art Doppelspitze mit Tenzer zu bilden.

Die FTD berichtete ohne Angaben von Quellen, Anhänger des Telekom-Chefs wollten den Gegnern von Sommer einen Kompromiss vorschlagen. Sommer solle zunächst Vorstandschef bleiben, aber nach einer "Schamfrist" in den Aufsichtsrat wechseln. In der Zwischenzeit solle ein geeigneter Nachfolger gesucht werden.

Kritik an der Parteinahme von Goldman Sachs

Der im Aufsichtsratspräsidium der Telekom vertretene Ehrenvorsitzende der Agfa-Gevaert-Gruppe, Andre Leysen, wollte sich nicht näher zum Stand der Personaldiskussion äußern. Er rechne mit einer "dem Telekom-Aufsichtsrat würdigen Diskussion", sagte Leysen Reuters. Er kritisierte zugleich, dass die Investmentbank Goldman Sachs Einfluss auf die Personaldebatte zu nehmen versuche. Dies sei unprofessionell, sagte er. Goldman-Chef Henry Paulson hatte in einem Reuters vorliegenden Schreiben den Telekom-Aufsichtsrat davor gewarnt, dass bei einem Wechsel an der Spitze des Konzerns "mit entschiedenen negativen Konsequenzen für das Unternehmen" zu rechnen sei. Goldman Sachs ist langjähriger Berater der Deutschen Telekom.

Merkel: Stümperhafte Einflussnahme

CDU-Chefin Angela Merkel sagte der "Süddeutschen Zeitung", Kanzler Gerhard Schröder (SPD) erwecke "den fatalen Eindruck einer stümperhaften Einflussnahme der Bundesregierung und des Bundeskanzlers auf dem Rücken der Kleinaktionäre". Mit einem solchen Verhalten füge er dem Unternehmen und dem Standort Deutschland schweren Schaden zu. Die Union hatte die Telekom zuletzt aber selbst zum Wahlkampfthema gemacht: Kanzlerkandidat Edmund Stoiber (CSU) hatte die Gehaltserhöhungen der Vorstände bei gleichzeitigem Kursverfall der Aktie kritisiert und die Bundesregierung zum Eingreifen aufgefordert.

An der Börse gaben die Aktien der Telekom einen Großteil der in der vergangenen Woche erzielten Kursgewinne wieder ab. "Wir haben zu früh gefeiert. Die vergangene Woche war geprägt von Hoffnungen auf einen schnellen Rücktritt von Herrn Sommer und auf eine schnelle Lösung für alle Probleme", sagte Boris Boehm, Fondsmanager bei Nordinvest. "Jetzt erhalten wir klarere Signale, wer der nächste Chef sein könnte", fügte er hinzu.

Der Telekom-Analyst von Dresdner Kleinwort Wasserstein, Hannes Wittig, sieht Tenzer als Übergangslösung. "Tenzer ist ein Kandidat, der es der Bundesregierung erlaubt, eine Bruchlandung zu vermeiden und nur eine Bauchlandung hinzulegen." Tenzer habe keine persönlichen Allüren und sehe den Job als Pflichtaufgabe.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%