Verwunderung bis Befremdung in den Landesverbänden
Aufstand gegen Joschka Fischer bei den Grünen

Der schnelle vertrauliche Schulterschluss mit dem neuen amerikanischen Kollegen könnte Joschka Fischer noch Leid tun. Jedenfalls bleibt der Ausflug nach Washington nicht ohne Folgen. Noch bevor der grüne Außenminister am Mittwoch den Heimflug antrat, brach gegen den Chefdiplomaten in den eigenen Reihen ein Aufstand los.

dpa BERLIN. Die Art und Weise, wie sich Fischer geradezu nachsichtig bei Colin Powell über den amerikanisch-britischen Luftangriff gegen den Irak geäußert hatte, löste bei der Grünen-Basis erst Erstaunen, dann Empörung und schließlich erhebliche Unruhe aus. Von "Verwunderung bis Befremdung" reichten die Reaktionen in den Landesverbänden, berichtete Umweltminister Jürgen Trittin in Berlin über die Gefühlslage bei den Grünen. Bevor er nicht selbst mit Fischer gesprochen habe, wollte Trittin aber nicht zum Kabinettskollegen auf Distanz gehen.

Dies taten öffentlich andere. Die verteidigungspolitische Fraktionssprecherin Angelika Beer, die im Kosovo-Krieg noch treu zu Fischer gestanden hatte, widersprach ihm diesmal deutlich: "Für mich und meine Fraktion bleibt es bei der grundsätzlichen Kritik an den Luftschlägen", stellte sie den Dissens mit dem Außenminister klar. Fischer werde seine Position erläutern, sobald er wieder in Deutschland sei.

Auch andere sehen dringenden Klärungsbedarf. Eine kurz ins Auge gefasste Telefonkonferenz der Grünen-Spitze mit Fischer in Washington kam nicht zu Stande. Die losgetretene Kritik in den eigenen Reihen wieder einzudämmen, dürfte dem Weltreisenden in den nächsten Tagen zusätzliche Kraft kosten. Geschlossen und solidarisch hätten die Grünen die pausenlosen Attacken wegen Fischers militanter Vergangenheit abgewehrt, und so danke er es ihnen jetzt, hieß es mit einiger Verbitterung. Ein böser Spott machte bei den Grünen bereits die Runde: Bei Colin Powell habe sich Fischer genauso als Musterschüler verhalten wie seinerzeit bei Jassir Arafat auf dem PLO- Kongress in Algier.

Kritik an herzlichem Einvernehmen

Irritiert fragen sich nicht wenige Parteifreunde, was wohl jenseits des Atlantiks in Fischer gefahren ist. Völlig unnötig sei es gewesen, nicht einmal eine Woche nach dem Bombardement geradezu demonstrativ herzliches Einvernehmen mit den Amerikanern zur Show zu stellen. Offenbar zeige die nervenaufreibende Kampagne der Opposition bei Fischer doch Wirkung, wird in Berlin vermutet.

Eine andere Erklärung hat der Historiker Arnulf Baring für manche Verhaltensweisen, mit denen Fischer seine Parteifreunde immer wieder überrascht. Der Außenminister leide an "übersteigertem Selbstwertgefühl", schrieb Baring in der "Berliner Morgenpost". Fischers Situation sei deshalb so verfahren, weil er vor Wochen die Lage wegen seiner Vergangenheitsdebatte völlig falsch beurteilt und eine "allzu heroische Einschätzung seiner eigenen Rolle" vor 30 Jahren gehabt habe, lautet Barings Analyse.

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