Verzagte SPD macht sich stundenlang Mut – Kanzler hofft auf Überhangmandate
SPD: Für Schröder ist Mehrheit Mehrheit

Es reicht, es reicht nicht, es reicht... Anderthalb Stunden lässt sich der Bundeskanzler Zeit, ehe er vor seine verunsicherte Partei tritt. Er macht der Partei Hoffnung, dass es Rot-Grün am Ende doch noch packt.

BERLIN. Ein Stöhnen und Raunen ging durch das Willy-Brandt-Haus, als um 18.01 Uhr die erste Prognose über den Bildschirm flimmerte. Das Ziel, als Kanzler-Partei stärkste Fraktion des 15. Bundestages zu werden, rückte mit einem Schlag in weite Ferne. Erst als Sekunden später die eigentliche Überraschung des Abends offenbar wurde, spendeten einige der versammelten SPD-Anhänger erleichtert Beifall: Die Grünen hatten die FDP klar überrundet und das immerhin galt fortan beim großen Koalitionspartner als schwacher Hoffnungsschimmer.

"Wir müssen halt warten", meinte ein sichtlich ratloser SPD-Fraktionsvize Michael Müller, womit er schon sehr früh die Losung des gesamten Wahlabends ausgab.

Eine Prognose folgte der nächsten, die Medienvertreter schrieben sich die Blöcke voll, aber Klarheit herrschte nicht. Die Demoskopen der ARD sahen die SPD weiter abgeschlagen als die des ZDF, aber der gemeinsame Trend beider Sender deutete aus Sicht der Genossen schon recht früh nach unten: Von Minute zu Minute bröckelten die Werte der Sozialdemokraten. Dennoch: Wenigstens die rot-grüne Regierungsmehrheit schien anfangs noch zu stehen, wenn auch nur noch knapp.

Um die verzagte Stimmung in der überfüllten Parteizentrale etwas aufzumuntern, trat SPD-Generalsekretär Franz Müntefering als erster prominenter Genosse ungewohnt früh vor die Kameras. Das eigentliche Wahlziel habe man trotzdem erreicht, meinte Müntefering bemüht fröhlich, schließlich sehe es so aus, als ob man die rot-grüne Koalition unter Führung von Bundeskanzler Gerhard Schröder fortsetzen könne. Vom immer wieder verkündeten Ziel, stärkste Partei zu werden, sprach Müntefering gestern Abend nicht mehr - Hauptsache regieren hieß jetzt das Motto. Den Zweiflern im dichten Gedränge der Willy-Brandt-Hauses gab der SPD-Manager noch die Hoffnung auf die Auszählung der Briefwahlstimmen und der Überhangmandate mit auf den Weg. Vor allem letzteres werde zu Gunsten der SPD ausgehen, versicherte Müntefering. Schon bei der letzten Bundestagwahl habe die SPD den eigentlichen Schub durch die Überhangmandate erhalten. Auch jetzt gelte: Wenn die PDS an der Fünf-Prozent-Hürde scheitere, werde die SPD wieder stärker als die Union von Überhangmandaten im Osten profitieren. Nicht die Prozente der Prognosen, so Müntefering, sondern die tatsächlichen Sitze im Bundestag seien letztlich entscheidend.

Doch je weiter der Abend dauerte, desto länger wurden die Gesichter der SPD-Anhänger. Nach mehr als einer Stunde war auch der Zittertraum von der rot-grünen Mehrheit erst einmal ausgeträumt. Die für die Kanzlerwahl erforderliche Mindeststimmenzahl von 301 wurde in der Addition der Umfrageinstitute unterschritten.

Um 19.30 Uhr schließlich hielt es auch Gerhard Schröder nicht mehr in seinem Büro aus. "Wir haben keinen Grund, uns zu verstecken", meinte der Kanzler mit Siegeszeichen und zitierte dann Konrad Adenauer: "Mehrheit ist Mehrheit". Und "wenn wir die Mehrheit haben, dann werden wir sie auch nutzen, das ist eindeutig", rief Schröder.

Sofort setzten Gerüchte ein: Wollte Schröder damit frühzeitig die Möglichkeit einer großen Koalition ausschließen oder spekulierte er am Ende doch auf die Stimmen der beiden PDS-Politikerinnen Gesine Lötsch und Petra Pau, die als Gewinnerinnen zweier Berliner Wahlkreise künftig als Einzelabgeordnete ohne Fraktions- oder Gruppenstatus im Bundestag sitzen werden?

Doch schon Minuten später in der Berliner Runde von ARD und ZDF stellte Schröder klar: Keine Regierung, die auf die PDS oder die Stimmen einzelner PDS-Abgeordneter angewiesen ist.

Bis zuletzt hoffte Schröder auf die Überhangmandate und am späten Abend endlich sah es so aus, als ob es doch noch eine hauchdünne Mehrheit für die Fortsetzung der rot-grünen Koalition geben würde.

In einem kurzen Telefonat mit Joschka Fischer am Abend versicherte sich Schröder der Treue seines Koalitionspartners. Fischer versprach in bester Laune, auch mit hauchdünner Mehrheit weitermachen zu wollen - dass die Grünen allerdings neue Forderungen stellen würden, klang auch gleich mit an. Schon zuvor hatte Grünen-Chef Fritz Kuhn die Trauben höher gehängt: Über die Inhalte des neuen Koalitionsvertrages müsse man natürlich im Lichte des guten Wahlergebnisses der Grünen reden.

Ein gutes Gefühl hatte Schröder schon am Sonntagmorgen nicht, als er sich in Hannover auf den Wahltag vorbereitete. Der Kanzler wusste seit Tagen, dass es knapp werden würde. Die Negativ-Schlagzeilen über den Hitler-Vergleich von Bundesjustizministerin Herta Däubler-Gmelin (SPD) mussten Wählerstimmen und Punkte kosten, das wurde in den Berliner Parteikreisen offen eingeräumt. Zumindest nach außen gab Schröder sich an diesem Schicksalssonntag betont ruhig: Ausführliches Frühstück mit der Familie in Hannover, danach Stimmabgabe im Kaiser-Wilhelm-Gymnasium direkt um die Ecke und später ein Besuch im Zoo zusammen mit Ehefrau Doris und Tochter Klara. Zwischendurch ließ der Kanzler sich immer wieder Meldungen geben - denn die erbosten Reaktionen aus den USA beunruhigten ihn zusehends.

Am frühen Nachmittag hielt es den SPD-Chef nicht mehr in der beschaulichen Ruhe seines Reihenendhauses. Gemeinsam mit seiner Frau Doris brach er nach Berlin auf. Mit dem Hubschrauber ging es in die Hauptstadt. Kurze Landung im Hof des Kanzleramtes, ein langer Blick auf das Regierungszentrum - und dann fuhren die Schröders zur SPD-Zentrale, ins Willy-Brandt-Haus nach Berlin-Kreuzberg. Denn das Kanzleramt selbst schied als Aufenthaltsort für den Wahlsonntag aus - auch das war für Schröder auch "eine Frage des guten Stils".

Selten hat ein Regierungschef bei einer Wahl so lange darum bangen müssen, ob er in das Kanzleramt zurückkehren kann. Bis in die Nacht hinein wurden Wahlkreise gezählt, Überhangmandate hochgerechnet, Hoffnungen genährt. Kurz vor 22 Uhr kam eine knappe Mehrheit für rotgrün in Sicht. Aus der geplanten SPD-Party wollte dennoch so recht nichts werden.

Daniel Goffart
Daniel Goffart
Handelsblatt / Ressortleiter
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