Verzicht auf Zerbe stand nie wirklich zur Debatte
Die Extratouren des Freizeit-Handballers

Volker Zerbe hat mehr Freiheiten als seine Mitspieler - weil die Nationalmannschaft bei der EM auf ihn angewiesen ist

KOPER. Volker Zerbe ließ sich nicht stören. Mitten in der Pressekonferenz in der Bonifika-Halle von Koper zog er eine Banane aus der Tasche und entfernte die Schale, dann verspeiste er die Frucht in aller Ruhe. "Die brauche ich immer nach dem Training", sagte er später. Nicht, dass Zerbe auf die Meinung seiner Umgebung gar nichts gibt, dazu ist er viel zu sensibel. Doch Zerbe ist in vielen Dingen anders als die anderen.

Manche Beobachter sagen, er sei ein Freizeit-Handballer. Auf jeden Fall ist er ein Teilzeit-Handballer. Als seine Kameraden von der Nationalmannschaft kürzlich ein Turnier in Russland bestritten, machte Zerbe mit seiner Frau Urlaub. Und als er später in Hannover gegen Russland wieder mitspielte, waren genau 354 Tage seit seinem letzten Einsatz im Nationaltrikot vergangen. "Ich brauche die Regeneration für mich und meine Familie", sagt der Vater zweier Töchter, der seit 18 Jahren Hochleistungssport betreibt. "Außerdem gibt es noch andere Lebensinhalte als Handball."

Die meisten Bundestrainer hätten einen Spieler mit solch einer Einstellung wahrscheinlich schon längst davongejagt. Nicht so Heiner Brand. "Volker Zerbe ist für uns ein Glücksfall. Er spielt so, als wäre er immer dabei", sagt Brand, der mit der Ausnahmeregelung für Zerbe bislang gute Erfahrungen gemacht hat. Mit Zerbe gewannen Deutschlands Handballer jeweils Silber bei der Welt- und Europameisterschaft. Nun soll es bei der EM in Slowenien Gold werden.

Dass im 16-köpfigen Kader allein sechs Spieler des Bundesligisten TBV Lemgo stehen, dem Zerbe seit 20 Jahren die Treue hält und bei dem er noch bis 2006 einen Vertrag hat, macht die Sache einfacher. "Die kennen mein Spielverhalten und ich ihres", sagt Zerbe. Das Team akzeptiert seine Extratouren. "Wenn sich einer meiner Kollegen beklagen würde, wäre meine Nationalmannschaftskarriere sofort beendet." Das klingt schroff. Und ist vielleicht nicht so gemeint. Denn es gibt bereits ein kritisches Zitat. Der Kieler Klaus-Dieter Petersen, ebenfalls schon 35 Jahre alt, soll über Zerbe gesagt haben: "Er war in der Vorbereitung nicht dabei, also sollte er auch nicht zur Europameisterschaft fahren." Zerbe sagt dazu nichts.

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