Videospielmesse in Los Angeles
Die Deutschen stehen im Abseits

Auf der Videospielmesse in Los Angeles führen deutsche Spieleentwickler nur ein Schattendasein.

HB LOS ANGELES. Jürgen Weyrich hat sich auf der Videospielemesse E3 auf kleinstem Platz eingerichtet: Stehtisch, Barhocker, Schrank und PC mit Flachbildschirm. Viel mehr passt nicht auf den Ministand der Stuttgarter Spirit Projektgesellschaft in der kleinen Kentia Hall des LA Convention Center - der Kellerhalle. Weyrich versucht auf wenigen Quadratmetern die Kontakte zu knüpfen, um sein Piraten-Adventure "Voodoo-Islands" zu Weihnachten weltweit auf den Markt bringen zu können. Spieleentwickler Weyrich arbeitet dabei mit hohem Risiko: Per Umweg über die Filmförderung hat er er 100 000 Euro vom Land Baden-Württemberg bekommen. Nur so - und weil er 250 000 Euro Privatvermögen investiert hat - konnte er Banken überzeugen, ihm den Rest, fast 400 000 Euro, für die Entwicklung seines Spiels zu leihen. Bis August muss er nun weltweit Verleger gefunden haben, um die Finanzierung zu sichern. Das Leben eines deutschen Spieleentwicklers? "Brutal", sagt Weyrich nur. "Brutal!"

Oben, in der noblen South oder West Hall, ist alles anders. Da halten Branchenriesen wie der amerikanische Milliardenkonzern Electronic Arts (EA) auf gigantischen Messeständen Hof. Da treten sich die Massen auf die Füße und der Lärmpegel erreicht das Niveau eines startenden Jets. Riesen wie Sony, Nintendo, Sega, Capcom, Konami, Electronic Arts und Microsoft haben den auf 30 Mrd. $ geschätzten Weltmarkt für Hard- und Software unter sich aufgeteilt.

Ein Hort der Ruhe

In der Kentia Hall geht es dagegen beschaulich zu. Auch der deutsche Gemeinschaftspavillon befindet sich dort. Sparsam in Modulbauweise errichtet und mit einem Poster von Schloss Neuschwanstein ausgestattet ist er ein Hort der Ruhe - und zu einem guten Viertel leer. Deutsche Kleinunternehmen haben es schwer im von internationalen Konzernen beherrschten Markt.

"Die Akquisition war extrem schwierig dieses Jahr", weiß Karlheinz Odörfer vom Stand-Organisator Nürnberger Spielwarenmesse. Bei Anmeldeschluss waren nicht einmal genug Unternehmen da, um die Mindestvoraussetzungen für die Förderung (70 % der Kosten) zu erfüllen. Nur weil man beim Wirtschafts- und Arbeitsministerium alle Augen zugedrückt hat, konnte der dritte Auftritt Deutschlands auf der E3 überhaupt statt finden.

Selbstbewusste Konkurrenz aus Fernost

Wenige Ecken weiter präsentiert sich selbstbewusst neue Konkurrenz aus Fernost. Hongkong zeigt sich zum ersten Mal auf der E3. "Film und Gaming wachsen zusammen. Wir wollen den Erfolg Hongkongs im Bereich Actionkino bei Videospielen wiederholen", definiert Helen Tang vom staatlichen Büro für Industrie und Technologie das Ziel. Es gibt Förderprogramme für Spieleentwickler: 3 000  $ pro Unternehmen etwa für einen Auslandsauftritt oder 50 % (maximal 1 000 $) Kostenbeteiligung für Weiterbildung von Spieleprogrammierern.

Sechs Millionen Euro Förderung, erzählt Philippe Mari von Initialcut.com bei Rotwein und Käse am französischen Stand, hat auch der französische Premierminister der Spieleindustrie zugesagt. Nach dieser Anschubfinanzierung werde nach einer konstanten Geldquelle gesucht. Vorbild könnte die französische Filmförderung sein, die durch eine Abgabe auf Eintrittskarten erhoben wird.

"Förderung? Kennen wir nicht", heißt es dagegen bei der Karlsruher CDV AG, mit 21 Mill. Euro Umsatz größter rein deutscher Publisher im 1,5 Mrd. Euro großen deutschen Markt. "Was die Wertschöpfung angeht", räumt auch Ronald Schäfer, Geschäftsführer des Branchenverbandes VUD ein, "rangieren deutsche Firmen im Weltmarkt nur unter ferner liefen." Kein deutsches Unternehmen kann es mit einer französischen Infogrames S.A. ("Enter the Matrix") oder einer britischen Eidos plc ("Tomb Raider") aufnehmen, geschweige denn mit Japanern oder Amerikanern.

Was die Branche bräuchte, sagt Holger Flöttmann von Ascaron Entertainment aus Gütersloh, wäre Exportförderung, wären Netzwerke und eine engere Verzahnung mit der TV-Produktion. Vor allem aber eines: Finanzierungshilfen. Sonst werden deutsche Videospieleentwickler und Verleger noch lange da bleiben wo sie sind - im Abseits.

Handelsblatt-Korrespondent Axel Postinett
Axel Postinett
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