Viel Beifall für den Vorsitzenden
Erstmals Grüner an der Spitze einer Gewerkschaft

Nach dem Rücktritt von ÖTV-Chef Mai und dem tagelangen Streit um eine Fusion zur Supergewerkschaft Verdi hat die Gewerkschaft ÖTV am Donnerstag Frank Bsirske überraschend deutlich zum neuen Vorsitzenden gewählt.

Reuters LEIPZIG. Nach dem Rücktritt von ÖTV-Chef Herbert Mai und dem tagelangen Streit um eine Fusion zur Supergewerkschaft Verdi hat die Gewerkschaft ÖTV am Donnerstag Frank Bsirske überraschend deutlich zum neuen Vorsitzenden gewählt. Knapp 95 % der Delegierten des ÖTV-Kongresses in Leipzig stimmten für den 48-jährigen Niedersachsen, der damit als erstes Mitglied der Grünen Chef einer deutschen Gewerkschaft wird. Bsirske warb für die stark umstrittene Fusion mit vier anderen Gewerkschaften zu Verdi. "Wir müssen die nächsten Jahre nutzen, um Verdi zu werden", rief er den Delegierten zu. Er kündigte zugleich eine offensive Auseinandersetzung mit der Bundesregierung über die Rentenreform an.

485 der 519 abgegebenen Stimmen entfielen auf Bsirske. 27 Delegierte votierten gegen ihn. Der Hauptvorstand hatte den früheren Vize-Chef der ÖTV in Niedersachsen kurzfristig vorgeschlagen, nachdem die ÖTV zunächst keinen Nachfolger für Mai fand und in eine Führungskrise rutschte. In Gewerkschaftskreisen hieß es, kein Landesbezirkschef sei zur Kandidatur bereit gewesen. Der seit 1995 amtierende Mai hatte sich nicht mehr zur Wiederwahl gestellt, nachdem am Dienstag nur 65,5 % der Delegierten für die weitere Fusion zu Verdi gestimmt hatten. Dies war für Mai eine Niederlage, weil bei dem Verschmelzungskongress im kommenden März 80 % der Stimmen notwendig sind.



Neuer Vorsitzende fordert Zustimmung für Verdi

Frank Bsirske forderte seine Gewerkschaft auf, der geplanten Dienstleistungsgewerkschaft Verdi trotz vieler Streitpunkte zuzustimmen. Er sei selbst in einigen Fragen mit dem Verdi-Projekt nicht zufrieden. Die ÖTV müsse aber jetzt Brücken zu den anderen vier Partnern bauen. Verdi sei eine historische Chance. Er wolle dafür kämpfen, dass es auf dem Auflösungskongress der ÖTV im März eine breite Mehrheit für Verdi gebe werde. Auf die Forderung der Basis nach Nachverhandlungen mit der Deutschen Angestellten-Gewerkschaft (DAG), der Gewerkschaft Handel, Banken und Versicherungen (HBV), der IG Medien und der Deutschen Postgewerkschaft (DPG) ging er jedoch nicht ein.

Bsirske sagte, er werde das Machtwort von Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD) zur Rentenreform nicht hinnehmen. Die ÖTV solle dem "Basta" des Kanzlers zu Änderungswünschen der Gewerkschaften ein "Avanti" entgegensetzen. Es müsse bei der paritätischen Rentenfinanzierung durch Arbeitnehmer und Arbeitgeber bleiben. Nach dem Rentenreform-Entwurf der Bundesregierung soll die geplante private Zusatzversorgung von den Arbeitnehmern finanziert werden. Schröder hatte am Sonntag auf dem Kongress unter Buhrufen Kritik an der Rentenreform mit den Worten zurückgewiesen: "Es ist notwendig und wir werden es machen. Basta".

Der gebürtige Helmstedter Bsirske trat zugleich Befürchtungen entgegen, ein grüner Gewerkschaftschef werde nicht energisch die Rechte der Arbeitnehmer vertreten: "Das Parteibuch sagt wenig aus, ob jemand eine Meise hat." Er verstehe sich in erster Linie als Gewerkschafter. Er unterstütze die bisherige Position der ÖTV, Arbeitsplätze in der Atomenergie trotz Kraftwerksstilllegungen zu erhalten.

Bsirske war bisher Personaldezernent der Stadt Hannover. Er studierte Politologie und war bis 1997 stellvertretender Bezirksvorsitzender der ÖTV-Niedersachsen. Er engagiert sich bei den Grünen im Stadtrat in Hannover.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%