"Viel-Völker-Regierung" muss rasch Gestalt annehmen
Kritische Tage für Zukunft Afghanistans und Schicksal bin Ladens

Die nächsten Tage könnten entscheidend sein für die Zukunft Afghanistans und den Kampf gegen die Terrorgruppe Osama bin Ladens. Wenn die vom Westen geforderte "Viel-Völker-Regierung" in Afghanistan nicht rasch Gestalt annimmt, könnte das Land in einen Bürgerkrieg zurückfallen. Und wenn bin Laden und seinen Mitstreitern in letzter Minute doch noch die Flucht gelingt, bestünde die Gefahr, dass seine Truppe El Kaida anderswo neue Gräueltaten vorbereitet.

dpa NEU DEHLI. Was Krieg und Frieden in Afghanistan angeht, mahnt Lakhdar Brahimi, der Beauftragte der Vereinten Nationen, zur Eile. "Je mehr Zeit wir vergeuden, desto mehr Probleme können sich ergeben", sagt er. Er kennt die Nordallianz und auch paschtunische Führer schon seit Jahren. Was sie einte, war die Feindschaft gegenüber den Taliban. Wenn jetzt alte Streitereien wieder aufbrechen und die erste der vielen Gruppen zur Gewalt greift, drohen Krieg und Anarchie.

Kenner Afghanistans empfinden es als Ironie der Geschichte, dass viele Menschen jetzt Angst vor einer Rückkehr der Verhältnisse haben, die vor dem Eroberungszug der Taliban 1994 herrschten. Damals hatten die Mudschahedin-Gruppen, die nach dem Abzug der sowjetischen Truppen noch bis an die Zähne bewaffnet waren, Afghanistan aufgeteilt.

Der Usbeke Abdul Raschid Dostum hatte im Norden seinen Kleinstaat, im Süden lebten paschtunische Milizen wie Raubritter und kassierten an Straßensperren ab. In der Hauptstadt Kabul bekriegten sich der Tadschike Burhanuddin Rabbani und Mudschahedin wie der Paschtune Gulbuddin Hekmatjar und legten die Stadt in Schutt und Asche.

Die Bevölkerung zumindest in Kabul und im paschtunischen Süden war den Taliban von Herzen dankbar, als sie dieses Chaos beendeten. Erst danach wurde den Menschen klar, was für ein barbarisches Regime sie sich mit den Taliban eingehandelt hatten.

Alte Konflikte drohen aufzubrechen

Nun drohen die alten Konflikte wieder aufzubrechen. Rabbani ist entgegen klaren Absprachen wieder als Präsident in Kabul eingezogen. Dostum will an der Macht beteiligt werden. Kämpfer der schiitischen Hasara, die im Zentrum Afghanistans leben, ziehen Richtung Kabul, um nicht unberücksichtigt zu bleiben. Und die Paschtunen im Süden machen klar, dass sie keinesfalls von der Nordallianz regiert werden wollen.

Brahimi will daher rasch alle Gruppen an einen Tisch bekommen. Aber schon über den Ort gibt es Streit. Rabbani will die Welt als Präsident in Kabul empfangen. Brahimi lehnt das ab. Die Vereinten Nationen wollten helfen, sie könnten das aber nur so schnell, wie die Afghanen mitwirkten, warnt er.

Zugleich gewinnt die Frage, was aus bin Laden und den Taliban wird, immer mehr Brisanz. Die arabischen und anderen ausländischen Kämpfer, die in Kundus eingeschlossen sein sollen, stehen bin Laden nahe. Wenn sie sich in alle Welt zerstreuten oder gar bin Laden selbst die Flucht gelänge, könnte seine Terrortruppe fortbestehen.

Anders sieht das nach Ansicht von Experten bei den Taliban aus. Etwa drei Viertel ihrer 50 000 Kämpfer waren Überläufer, und die dürften bei erster Gelegenheit in Afghanistan untertauchen. Die Taliban, die zum harten Kern gehören und aus den Islam-Internaten für afghanische Flüchtlinge in Pakistan stammen, haben meist keine Familien. Sie könnten versuchen, nach Pakistan zurückzukehren.

Eine andere Möglichkeit wäre, dass die Taliban zum Guerilla-Krieg in die Berge ziehen. Mit dieser Strategie hatten Mudschahedin in den 80er Jahren die sowjetischen Truppen besiegt. Die Taliban bekommen jedoch, anders als die damals vom Westen ausgerüsteten Mudschahedin, weder Waffen aus dem Ausland, noch hilft ihnen die Bevölkerung. Beobachter glauben deshalb, dass das Kapitel Taliban nach ihrer Niederlage zu Ende sein dürfte.

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