Viele Branchen leiden unter Strukturproblemen
Optimisten verzweifelt gesucht

Die Top-Unternehmen geben die Hoffnung auf einen Aufschwung im laufenden Jahr langsam auf. Der Blick richtet sich auf 2003 - doch auch das noch nicht voller Zuversicht. In der Rangliste stehen nach wie vor die klassischen Branchen wie Energie, Auto und Finanzen ganz oben. Auch an der Börse geben sie nun wieder den Ton an.

DÜSSELDORF. Auf den ersten Blick ist alles beim Alten: Die Giganten der Energie- und Autobranche und die großen Finanzkonzerne beherrschen wie seit langem Europas Unternehmenslandschaft. BP hat zwar Daimler-Chrysler von der Spitze verdrängt, aber unter den Top Ten gab es in der Euro-500-Rangliste nach den Umsätzen des Jahres 2001 kaum Veränderungen.

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Erst auf den zweiten und dritten Blick zeigen sich die Verwerfungen gegenüber dem Boom der Jahrtausendwende. Betrachtet man die Bewertung der Top-Konzerne an der Börse, dann ist die Rangliste in den beiden vergangenen Jahren brutal durcheinander geschüttelt worden. Ende 1999 waren fünf der Top-Ten-Firmen nach Börsenwert Telekom-Konzerne - ganz vorn an der Spitze der Mobilfunker Vodafone mit Schwindel erregenden 283 Mrd. ?. Nur zwei Jahre später sind die einstigen Börsenstars vom Thron gestürzt: Nur noch Ex-Spitzenreiter Vodafone hält sich mit 122 Mrd. ? Börsenwert auf Platz sieben. Die Deutsche Telekom ist von Rang vier auf 21 abgestürzt, Ericsson sogar von sechs auf 79. Dafür behaupten sich mit fast unverändertem Wert BP, Royal Dutch und Totalfina unter den Top Ten, und die Pharmariesen Glaxo Wellcome und Novartis haben sogar kräftig zugelegt.

Auch die Gewinnentwicklung zeugt von Umbrüchen: 1999 erwirtschafteten die größten einhundert Konzerne Europas allesamt positive Eigenkapitalrenditen, 2001 vernichtete jedes fünfte dieser Top-Unternehmen Kapital - allen voran die Kommunikationsfirmen France Télécom, Vivendi, Alcatel und Ericsson.

Doch es sind beileibe nicht nur die Telekom -, Medien- und Informationstechnologie-Konzerne, denen es heute deutlich schlechter geht als noch vor zwei Jahren. Im Gegenteil: Kaum eine Branche ist von der Flaute verschont, und in vielen Industriezweigen kommen noch Strukturprobleme hinzu.

Das trifft sogar die auf den ersten Blick blühende Pharmabranche. In der Umsatz-Rangliste fallen die großen Medikamentehersteller zwar zurück, aber nach dem Börsenwert sind sie Spitze: Glaxo Wellcome auf Platz zwei, Novartis auf drei und Astra-Zeneca auf zehn. Doch die Risiken sind groß: In den kommenden Jahren läuft der Patentschutz vieler großer Gewinnbringer aus und zugleich drücken Reformen der Gesundheitssysteme in vielen Staaten die Arzneimittelpreise.

Am schlimmsten hat die gegenwärtige Konjunkturflaute die Luftfahrt erwischt: Die Terroranschläge des 11. September 2001 in den USA rissen die Branche von einem Tag auf den anderen in eine bedrohliche Krise und mehrere Fluggesellschaften sogar in die Pleite. Das traf auch die Flugzeughersteller, die aber immerhin auf ein stärkeres Rüstungsgeschäft hoffen.

Strukturprobleme ganz anderer Art hat die Kommunikationsbranche: Aus dem Rausch des New-Economy-Booms sind die Medien- und Telekomriesen mit einem gewaltigen Kater aufgewacht. Vor zwei Jahren war ihr Börsenwert auf astronomische Höhen gestiegen, heute sind es die Schuldenberge. Bei der Deutschen Telekom und bei France Télécom überschreiten sie 60 Mrd. ? - und damit bei weitem die aktuellen Börsenbewertungen.

Auch die Finanzwirtschaft hat sich noch nicht von den Folgen des Börsenrausches erholt. Die üppigen Gewinne aus dem Investmentbanking sind Vergangenheit, die hohen Gehälter der Dealmaker aber Gegenwart. Das zwingt die Institute zu Kostensenkungsprogrammen. Die viel beschworene Marktbereinigung auf europäischer Ebene kommt indessen kaum voran.

Die anderen großen Branchen warten auf den Aufschwung, doch sie verlieren allmählich den Glauben. Hohe Schulden und rote Zahlen zwingen die Unternehmen zum Sparen, und auch die Konsumenten schnallen den Gürtel enger. Das prozyklische Verhalten verschärft die Krise: Maschinenbauer und die Bauwirtschaft erhalten weniger Aufträge, die Autos setzen beim Händler Staub an und die Kaufhäuser bleiben leer. Auch in der Energiebranche sind die fetten Jahre vorbei, doch die Liberalisierung der europäischen Märkte schafft neue Chancen. Die Energieriesen haben also gute Chancen, ihre Positionen in der Rangliste sogar noch zu verbessern.

In einem sind sich inzwischen fast alle Branchen einig: Erst 2003 wird es wieder aufwärts gehen. Die noch zum Jahresanfang beschworene Wende im zweiten Halbjahr bleibt aus - das zeichnet sich immer klarer ab. Doch die Rangliste zeigt auch, dass eben nicht alle Unternehmen gleichermaßen unter der Flaute leiden.

So hat zum Beispiel BMW die Eigenkapitalrendite von 1999 auf 2001 mehr als verdoppelt, während Autohersteller wie Daimler-Chrysler und Fiat in die roten Zahlen rutschten. Der niederländische Handelsriese Ahold verdoppelte in dieser Zeit den Umsatz und steigerte die ohnehin starke Rendite noch. Und auch dem Lebensmittel-Multi Nestlé gelang es, Umsatz, Rendite und Börsenwert kontinuierlich zu erhöhen. Die Besten halten sich eben nicht damit auf, über die schlechten Rahmenbedingungen zu jammern - sie schaffen sich ihre eigene Konjunktur.

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