Viele Eltern leben in Angst
Holly und Jessica wurden ermordet

Zwei Wochen lang wurde mit der größten Suchaktion der britischen Kriminalgeschichte nach ihnen gefahndet, nun steht fest: Die beiden zehn Jahre alten Freundinnen Holly Wells und Jessica Chapman sind ermordet worden. Als Verdächtige hat die Polizei ihre ehemalige Aushilfslehrerin Maxine Carr (25) und deren Verlobten, den Schulhausmeister Ian Huntley (28), festgenommen.

dpa/HB LONDON. Die beiden Tatverdächtigen im Fall der ermordeten englischen Mädchen sind am Montag weiter vernommen worden. Zu den Hintergründen der Tat wollte die Polizei nach wie vor nichts sagen. Auch die britische Presse hat darüber bisher wenig in Erfahrung bringen können. Die beiden Verdächtigen, der Schulhausmeister Ian Huntley (28) und die Aushilfslehrerin Maxine Carr (25), waren am Sonntag dem Haftrichter vorgeführt worden. Die Polizei kann sie noch bis Dienstagmorgen festhalten, bevor Anklage erhoben werden muss.

In der Nacht zum Samstag klingelte Ian Huntley bei seinen Eltern. Er müsse mit ihnen über etwas reden, sagte er. Aber ehe er das tun konnte, stand schon die Polizei vor der Tür. Seitdem wird der Hausmeister verdächtigt, zusammen mit seiner Verlobten Maxine Carr die beiden zehn Jahre alten Mädchen Holly Wells und Jessica Chapman ermordet zu haben. "Warum?" steht auf einer Karte, die zum Gedenken an die Freundinnen vor der Kirche ihres Heimatortes Soham niedergelegt worden ist. Es ist nicht die einzige Frage, die sich die Briten in diesen Tagen stellen.

Die brennendste ist: Wie können wir unsere Kinder schützen? In Soham sah man in den vergangenen beiden Wochen kaum ein Kind ohne Begleitung von Erwachsenen auf der Straße. Psychologen rechnen damit, dass die massive Berichterstattung über die größte Fahndungsaktion der britischen Kriminalgeschichte Eltern im ganzen Land tief verunsichert hat. Nun dürfen wohl noch weniger Kinder allein draußen spielen.

Ray Wyre, ein renommierter Kriminologe, der die schlimmsten britischen Kindermörder der vergangenen 30 Jahre befragt hat, ist zu dem Schluss gelangt, dass völliger Schutz unmöglich ist. Er verweist auf ein Gespräch mit Robert Black, der drei kleine Mädchen missbraucht und ermordet hat: "Ich habe ihn gefragt, wie Eltern ihre Kinder vor ihm hätten schützen können. Er hat gesagt, da müsse sich die Mutter schon an ihr Kind ketten." Vor allem helfe es nicht viel, die Kinder nur davor zu warnen, nicht mit Fremden mitzugehen. Denn die meisten Täter sind keine Fremden. Sowohl Ian Huntley als auch Maxine Carr waren Holly und Jessica bestens bekannt. Eine an diesem Wochenende veröffentlichte Studie der Universität Huddersfield belegt, dass dies typisch ist. Demzufolge hat jedes fünfte Kind schon einmal sexuelle Annäherungsversuche erlebt, meist im Familien- und Bekanntenkreis.

1999 und 2000 wurden in England und Wales 77 Kinder umgebracht. Nur acht Opfer kannten den Täter nicht. "Aber weil wir heute unsere Nachbarn oft nicht mehr kennen, weil wir viel umziehen und die Anonymität zunimmt, haben wir größere Angst vor den Menschen in unserer Umgebung", erläutert der Kriminalpsychologe David Canter.

Die britische Boulevardpresse ruft gleichwohl nach der Wiedereinführung der Todesstrafe und der Veröffentlichung der Identität aller jemals straffällig gewordenen Pädophilen. Das Massenblatt "News of the World" aus den Murdoch-Konzern druckt wieder Namen und Wohnorte freigelassener Kinderschänder ab, um die Bevölkerung zu warnen. Vor zwei Jahren hatte eine solche Kampagne zu Lynchszenen geführt; Unschuldige, die durch ein Versehen in die Zeitung gekommen waren, wurden mit dem Tode bedroht.

Aber es gibt auch bedächtige Stimmen in der Boulevardpresse. "Man kann seine Kinder nicht für immer einschließen", kommentierte der "Daily Mirror". "Der beste Schutz ist, ihnen die Gefahr bewusst zu machen. Dies ist eine Zeit der Trauer, auch der Wut. Aber keine Zeit für Hysterie."

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