Viele Film-Firmen sind bedroht
Medienstandort München bangt um seine Zukunft

Der Zusammenbruch des Medienimperiums von Leo Kirch hat den Standort München in eine tiefe Krise gestürzt: Aus der Boombranche wurde ein Sorgenkind. Die Region bangt um ihre Steuereinnahmen. Doch auch viele der noch vor zwei Jahren euphorisch gefeierten Filmfirmen rücken in dem Abgrund näher.

MÜNCHEN. Wolf-Dieter Ring ist in diesen Tagen ein gefragter Mann. Vor allem die Manager ausländischer Medienkonzerne schauen gern vorbei, um bei dem Präsidenten der Bayerischen Landeszentrale für neue Medien frühzeitig für gute Beziehungen zu sorgen, falls sie Erfolg haben im Ringen um das Erbe von Leo Kirch. Rings Termine sind dicht gedrängt, denn der Herr über die TV-Lizenzen bekommt immer häufiger Besuch von besorgten Bürgermeistern der verwöhnten Gemeinden im Münchener Umland. Die hatten jahrelang vom Medienboom profitiert. Nun bangen sie angesichts der Kirch-Krise um ihre Steuereinnahmen.

Der Zusammenbruch der Kirch-Gruppe war ein Erdbeben in der wirtschaftlich sonst so soliden bayerischen Landeshauptstadt. Die Karten an der Isar werden neu gemischt - und noch ist lange nicht endgültig klar, wer die Gewinner sein werden. Frühestens Anfang August werden die neuen Herren im Medienimperium von Leo Kirch ausgesucht.

Doch es sind nicht nur die Milliardenschulden des Filmhändlers Kirch, die in diesen Tagen für eine gedrückte Stimmung in der Münchener Medienszene sorgen. In bedenklich großen Schritten rücken viele der noch vor zwei Jahren euphorisch gefeierten Filmfirmen dem Abgrund näher. Im Windschatten der rasant expandierenden Kirch-Gruppe waren Dutzende Unternehmen gegründet und an die Börse gebracht worden. Nun sind sie zu schwach, um zu überleben.

Mit Kinowelt und H5B5 haben zwei ehemalige Stars des Neuen Marktes schon Insolvenz angemeldet. Von Kinowelt bleibt nach langem Überlebenskampf nur ein kleiner Teil in einer Auffanggesellschaft. Konkurrenten wie Intertainment oder Advanced Medien leben von dem verbliebenen Geld, das sie noch nicht in Hollywood verpulvert haben. Und der Trickfilmproduzente RTV wird vor allem vom Geld des Mehrheitseigners Ravensburger über Wasser gehalten.

Von einem Personalzuwachs im Medienbereich um satte 20 %, wie ihn München von Mitte der 90er Jahre bis ins Jahr 2000 vermelden konnte, ist schon längst keine Rede mehr. Im Gegenteil: Tausende Mitarbeiter verlieren in der selbst ernannten Medienhauptstadt Deutschlands momentan ihre Jobs. Allein beim Pay-TV Premiere mussten in den vergangenen Monaten rund 1 000 Leute gehen. Ring schätzt, das in der Kirch-Gruppe mindestens jeder Zehnte der 6 500 Arbeitsplätze in der Region wegfällt. Darüber hinaus stehen viele Tausend freie Mitarbeiter ohne Einnahmen da. "Das schmerzt", muss der ansonsten so optimistische Ring zugeben.

Damit nicht genug der Horror-Nachrichten: Selbst der Süddeutsche Verlag, Herausgeber der Süddeutschen Zeitung, muss inzwischen deutlich sparen: Mehr als 500 Mitarbeiter werden gehen.

Der Beschäftigungsabbau trifft ein wichtiges Standbein der Münchener Wirtschaft: Rund 128 000 Menschen haben zum Zeitpunkt der letzten Umfrage im Jahr 2000 in der Region München in der Medienwirtschaft ihre Brötchen verdient. Eine neue Studie, die demnächst veröffentlicht wird, sieht München bei der prestigeträchtigen TV-Produktion mit weitem Abstand an der Spitze vor Hamburg, Köln und Berlin.

Trotz aller Unkenrufe: Es bricht nicht alles zusammen an der Isar. Einige der größten Medienfirmen Deutschlands sitzen in München: Neben der Kirch-Gruppe (Rechtehandel, TV, Pay-TV) der Burda-Verlag (Focus), die Bavaria Studios (Filmproduktion), die Tele München Gruppe (Rechtehandel), die Bertelsmann Music Group (Musik) und mehr als 200 Verlage.

"Die Stärke des Standorts ist die Mischung. Medienfunktionär Ring ist überzeugt, dass München die derzeitige Krise in den Griff bekommt. Auf politische Hilfe können sich die Unternehmen allerdings auch in Bayern nicht mehr verlassen. Zwar ist die Medienpolitik noch immer direkt in der Staatskanzlei von Ministerpräsident Edmund Stoiber angesiedelt und nicht im eigentlich zuständigen Wirtschaftsministerium. Doch seit sich der CSU-Chef als Kanzlerkandidat der Union aufstellen ließ, lässt er die Finger von allem, was nach der Bevorzugung bayerischer Firmen aussehen könnte.

Joachim Hofer
Joachim Hofer
Handelsblatt / Korrespondent München
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