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"Viele Firmen sind günstig zu haben"

SAP-Chef Hasso Plattner umwirbt den Mittelstand und kündigt im Handelsblatt-Gespräch gegenüber den Hauptkonkurrenten Microsoft und IBM eine härtere Gangart an.

HB: Die Dotcom-Blase ist geplatzt. Bleibt das Thema IT-Nachwuchs für Deutschland aktuell?

Plattner: Ausbildung ist eine der wichtigsten Voraussetzungen, um wettbewerbsfähig zu bleiben. Ausbildung wird aber auch ständig teurer und kann deshalb nicht mehr allein vom Staat finanziert werden. Der Staat macht alles, dafür zahlen wir Steuern - von dieser Philosophie müssen wir uns verabschieden. Das amerikanische Modell ist sinnvoller: Ein Drittel der Finanzierung stellen die Schüler, ein Drittel industrielle Sponsoren, ein Drittel der Staat.

HB: Sie verlangen mehr Engagement von Ihren Unternehmer-Kollegen?

Plattner: Leute, die Geld haben, ob nun geerbt oder in einer Branche verdient, sollten Teile ihres Vermögens für die Ausbildung ausgeben.

HB: Haben Sie Sorge davor, dass das Thema Zuwanderung im Wahlkampf hochgespielt wird?

Plattner: Das Auftreten Gästen gegenüber ist in Deutschland manchmal geradezu peinlich. Wir haben ein Problem mit der Zuwanderung, das wir wie die Amerikaner mit einer gezielten Einwanderungspolitik lösen sollten. Die USA holen sich die schlauesten Leute aus allen Ländern früh in ihr Land. Das ist ein klarer Wettbewerbsvorteil. Es sind nicht die Amerikaner, die den Erfolg Kaliforniens ausmachen. Es sind die Generationen von Einwanderern, die das Silicon Valley erfolgreich machen.

HB: Ausbildung und Zuwanderung sind ein Weg, zu qualifiziertem Personal zu kommen. Übernahmen ganzer Firmen sind ein anderer ...

Plattner: Selbstverständlich sind Human Capital und sicher auch noch die Patente bei der Übernahme einer Firma interessant. Aber diese Unternehmen tragen oft auch ein hohes Risikopotenzial. Legen wir diese Maßstäbe zu Grunde, wird schnell klar, dass es nicht so viele potenzielle Kandidaten gibt.

HB: Ist das Thema für SAP endgültig abgehakt?

Plattner: Nein, natürlich gibt es immer wieder Gelegenheiten. Wir schauen aber eher auf kleine Firmen und mögliche Beteiligungen, nicht auf die großen Anbieter. Selbstverständlich sind viele Unternehmen zurzeit günstig zu haben. Aber das hängt auch damit zusammen, dass wir gerade in dem Technologiesektor ein massives Bewertungsproblem haben.

HB: An der Börse ist die SAP-Aktie aber auch sehr volatil.

Plattner: Die Schwankungen machen nicht wir, auch nicht durch unsere Ergebnispolitik. In unserer Branche kann es passieren, dass eine Rechnung erst am Fünften des Folgemonats geschrieben wird. Dann wundern sich die Leute, dass das eine Quartal schwächer ist und das nächste dann wieder stark.

HB: Können Sie die Erträge nicht glätten?

Plattner: Natürlich versuchen wir, die Schwankungen zu glätten. Aber viel Spielraum haben wir nicht. Wir versuchen durch Langzeitverträge und stetige Einkommen aus Wartung und Beratung die Zyklizität zu entschärfen. Und wir können die Gründe dafür, warum unser Geschäft so stark schwankt, möglichst gut kommunizieren. Aber wir werden auch künftig mit den Schwankungen leben müssen. Wir sind eben kein Rentenpapier.

HB: Höchstens, wenn man auf die Dividende schaut.

Plattner: Die behindert uns im Vergleich zu amerikanischen High-Tech- Unternehmen, die ihre Erträge voll investieren können. Allerdings dreht sich der Wind allmählich. Es gibt erste Tendenzen in den USA, von Microsoft eine Dividende zu fordern. Was sollen die auch mit ihren mehr als 30 Milliarden Dollar Cash machen?

HB: Zum Beispiel in das Geschäft mit Unternehmenssoftware investieren wie vor kurzem bei der Übernahme von Great Plains.

Plattner: Historisch gesehen war Great Plains kein Mitbewerber. Ob sich die Aufmerksamkeit jetzt durch die Übernahme durch Microsoft ändern wird, muss man abwarten. Aber wenn Microsoft diesen Bereich als Zukunftsmarkt sieht, ist das Unternehmen dort ein klarer Konkurrent.

HB: Sie meinen, es wird vor allem beim Wettbewerb um den Mittelstand ziemlich eng?

Plattner: Das Thema Mittelstand hängt von der Definition ab. Wir sind in Deutschland bei Firmen mit einer Größenordnung von 500 bis 5 000 Beschäftigten klar vorn. Wir hatten im vergangenen Jahr einen Zuwachs bei Neukunden von 30 %. Aber den einzelnen Kfz-Schlosser, die freie Tankstelle oder die Bäckerei um die Ecke bedienen wir natürlich nicht. Dort kann man mit unserer Software auch nicht die nötigen Effizienzvorteile erreichen.

HB: Weil Ihre Programme für den Mittelstand zu teuer und zu komplex sind?

Plattner: Nein, das ist keine Kostenfrage, es ist auch kein Problem der Komplexität. Aber bei einem Kunden, der nur lokal produziert, liefert und abrechnet, ist das Optimierungspotenzial halt wesentlich geringer. Da muss man dann schon mit anderen Offerten kommen ...

HB: Das wird mit Ihrer neuen Mittelstandsoffensive besser?

Plattner: Ja, auf jeden Fall. Wir haben bislang immer die Funktionalität im System selbst geändert und angepasst. Das ist sehr aufwendig. Jetzt lassen wir das System unverändert und konfigurieren es lediglich am Portal. Das heißt, nur an der Oberfläche, mit der der Nutzer arbeitet, wird das System entschlackt.

HB: Die Programme für den Anwender immer einfacher zu machen - ist es das, was die Softwareindustrie in der Zukunft antreibt?

Plattner: Im Prinzip ja. Es sind die Fragen: Wie schaffe ich es, die vielen Informationen bedarfsgerecht für den einen Nutzer aufzubereiten? Wie lasse ich die einzelnen Systeme untereinander reden? Vor allem die Integration von verschiedenen Anwendungen ist seit dreißig Jahren das Haupthindernis für die Einführung von Software in Unternehmen.

HB: Das sind Trends, von denen auch Ihr Beratungsgeschäft profitieren dürfte.

Plattner: Ja, wir haben die Beratung zu einer sehr attraktiven Division gemacht. Spätestens mit der Einführung unserer Internet-Plattform MySAP haben Kunden gesagt, dass wir mit in den strategisch wichtigen Projekten sitzen müssen. Bestimmte Dinge müssen wir selbst machen, nicht die Partner, wenn wir die Verantwortung für den Erfolg haben sollen.

HB: Wer sind denn dann künftig Ihre entscheidenden Konkurrenten?

Plattner: Das größte Potenzial haben nach wie vor IBM und Microsoft, heute sind es Oracle, Siebel und i2.

HB: Mit Ihrer neuen Integrationsplattform MySAPTechnology wollen Sie doch vor allem ins IBM-Kerngeschäft eindringen?

Plattner: Wir gehen in die gleiche Richtung, die auch IBM zum strategischen Ziel erklärt hat. Aber es gibt eben nicht nur IBM-Kunden. Außerdem arbeiten wir mit IBM an gemeinsamen Lösungen.

HB: Aber die Technologie steht noch nicht.

Plattner: Doch. Von unserer Technologie-Vision steht vieles bereits, aber natürlich nicht alles. Wir werden einzelne Produkte im zweiten Quartal auf den Markt bringen.

HB: Und langfristig gesehen: Wollen Sie in zehn Jahren alles für Ihre Kunden machen, vom Rechenzentrum bis zur Abwicklung der gesamten IT?

Plattner: Nein, das ist völlig illusorisch. Unternehmen werden es niemals zulassen, ihre gesamten Daten aus der Hand geben. Ein totales Outsourcing funktioniert nicht. Das Know-how, das sich in einem Unternehmen um das Thema IT bildet, zählt schließlich mit zu den Unternehmenswerten.

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