Viele Internetaktien taugen lediglich als Souvenir aus dem Dotcom-Rausch
Kehraus am Neuen Markt

Es kommt Bewegung in die Technologiebörse. Neue Regeln sollen neues Vertrauen schaffen.

Billigaktien können manchmal sehr wertvoll sein. Allerdings nur, wenn man sie in Papierform besitzt. So zahlen etwa Sammler für ein gedrucktes Zertifikat der grandios gescheiterten Webvan Group rund 80 Dollar. An der Börse hat das Papier so viel selbst zu besten Zeiten nicht gekostet. Mittlerweile notiert die Aktie des insolventen Internetsupermarktes bei rund fünf Cent.

Viele Internetaktien taugen lediglich als Souvenir aus dem Dotcom-Rausch noch etwas. Auch am Neuen Markt droht vielen Pfennig-Aktien (engl. "Penny Stocks") dieses Schicksal - zumal, wenn die Deutsche Börse wie erwartet beschließen sollte, abgestürzte Aktien vom Markt zu nehmen. Die Konsequenzen sind hart: Wer rausfliegt, landet im Extremfall im wenig beachteten Telefonhandel - die Chance auf Kurserholung ist dann noch sehr gering.

Tabelle: Schwergewichte am Neuen Markt

Des einen Leid, des anderen Freud: Banken, Börse und die restlichen Unternehmen erhoffen sich von der Maßnahme, im Jargon Delisting, eine Aufwertung des Neuen Marktes. Ist das Segment erst von den Skandalnudeln befreit - so die Überlegung -, rücken die soliden Firmen wieder in den Blickpunkt. Gleichzeitig erhöht sich auf diese der Druck, ihre solide Geschäftspolitik weiter zu verfolgen: "Bei Verfehlungen droht der Totalabsturz", sagt Rainer Gerdau, Neuer-Markt-Experte bei Dresdner Kleinwort Wasserstein. "Das ist natürlich auch eine disziplinierende Maßnahme."

Kritiker bezweifeln allerdings, ob eine Delisting-Regel ausreicht, den Neuen Markt generell wieder in das Blickfeld der Anleger zu rücken. Das Problem des Segments seien nicht zu Cent-Preisen notierende Unternehmen, sondern der Vertrauensverlust, der dadurch entstanden sei, dass unreife Unternehmen an die Börse geführt worden seien, erklären Kritiker. "Es wird an den Symptomen herumgedoktert, anstatt die eigentlichen Ursachen des Problems aufzuarbeiten", sagt Patrik Lang, Fondsmanager der Schweizer Fondsgesellschaft Pictet. Auch Carsten Heise von der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW) wünscht sich, dass schon beim Börsengang die Hürden höher gelegt werden. Kämen dann noch "ehrliche Publizität, Planungstreue und neue Erfolgsstorys" von Unternehmen hinzu, könnte sich die "Hygiene im Segment" einstellen. "Delisting-Regeln sind zwar nicht schlecht, aber der Vermögensverzehr ist dann schon erfolgt", gibt Heise zu bedenken. Auch im Lager der angelsächsischen Investment-Banken hält man die Delisting-Diskussion für einen "Nebenschauplatz". Wichtiger seien Reformen bei den Regeln zur Prospekthaftung, bei Neuemissionen und den Publizitätsvorschriften.

Vertrauensbildung am Neuen Markt ist dringend nötig: In der Kursentwicklung hinkt das deutsche Wachstumssegment der großen US-Schwester deutlich hinterher. "Wer kann, weicht auf die Nasdaq aus", beschreibt Gerling-Fondsmanager Karsten Mergen die Stimmung unter den Kollegen. In den USA seien mehr Technologieunternehmen in ausreichender Qualität vorhanden. Von den 350 am Neuen Markt notierten Gesellschaften werden nur noch 70 bis 80 überhaupt von Fondsmanagern beachtet, wie die Münchener Unternehmensberatung Dr. Wieselhuber & Partner per Umfrage herausgefunden hat.

Da sich das Interesse der Profis auf wenige Aktien konzentriert, ist die Bewertung der seltenen Qualitätstitel in die Höhe geschnellt. Folge: Bei Unternehmen wie Aixtron reicht schon die kritische Stimme eines Analysten aus, um im nervösen Marktumfeld einen Tagesverlust von rund 17 Prozent zu bewirken. Als letzte der großen Werte sind bislang lediglich Medion und Qiagen von einer harten Korrektur verschont worden. Ob das so bleibt, mag aber niemand voraussagen.

Gleichwohl betonen Experten, dass der Neue Markt weiter zukunftsträchtig ist. "Wenn die Konjunktur anspringt, werden die Unternehmenszahlen besser, gleichzeitig auch die Berichterstattung in den Medien. Dann kommen auch die Kleinanleger wieder", erläutert Dresdner-Experte Gerdau. Allerdings: "Es würde mich sehr überraschen, wenn schon die Gewinnausweise für das zweite Quartal positiv überraschen." Er empfiehlt Anlegern, derzeit noch abzuwarten und Mitte des dritten Quartals über Nebenwertefonds einzusteigen.

Auch Pictet-Fondsmanager Lang beurteilt die Situation kurzfristig kritisch. Der Neue Markt sei insgesamt immer noch nicht günstig. Bei einigen mittlerweile moderat bewerteten Qualitätstiteln wie Singulus, Technotrans, Pfeiffer Vacuum oder Aixtron gebe es weiter Konjunkturrisiken. Auf Sicht von zwei bis drei Jahren bestehe aber erhebliches Aufwärtspotenzial.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%