Viele Iraker haben noch Angst
„Ich will Saddam umbringen“

Dies sind die Tage, in denen die Iraker begreifen, dass das Regime am Ende ist. Jubelnde Menschen zeigen sich auf den Straßen von Bagdad und Basra. Erstmals werden die alliierten Soldaten tatsächlich als Befreier begrüßt. Doch gleichzeitig beginnen Plünderungen.

Während die britischen Soldaten in der Sonne vor dem Präsidentenpalast ihre Socken und Unterhemden zum Trocknen aufhängen, gelingt es Bassim Mohammad Hussein zum ersten Mal, einen Blick auf die wertvolle Marmorfassade mit den prächtigen Holzarbeiten zu werfen. "All dies für einen einzigen Menschen", sagt er und deutet mit einem Palmwedel auf eins der Gebäude. "All das Geld. Und dann sehen Sie sich mal unsere Häuser an." Der Maschinenbaulehrer sagt, der britische Einzug in die Palastanlage habe ihn jetzt wirklich überzeugt: Saddam Husseins Tage seien gezählt. "Wir alle hier denken, er ist am Ende", sagt er.

Vor dem Ministerium der Ölindustrie in Bagdad klettert ein Mann auf eine Saddam-Hussein-Statue, setzt sich auf die Schultern des Herrschers und schlägt mit einer Steinplatte auf den Kopf ein. Andere hauen mit ihren Schuhen auf die steinerne Verkörperung der Macht. "Ich bin 49 Jahre alt, habe aber keinen einzigen Tag gelebt", sagte der islamische Geistliche Jussuf Abed Kasim, der mit einem Hammer auf den Sockel der Präsidentenstatue einschlägt. "Erst jetzt fange ich an zu leben. Dieser Saddam Hussein ist ein Mörder und Verbrecher."

Zwei Szene aus zwei Tagen zeigen Fall des Regimes

Zwei Szenen aus zwei Tagen, gesehen in den zwei größten Städten des Iraks, zeigen den plötzlichen Fall des Regimes, von dem viele Iraker glaubten, es werde für immer dauern. Dieser 8. und 9. April des Jahres 2003 werden in die Geschichte des Landes eingehen als die Tage, an denen die Mehrheit des Volkes die Befreiung von der Gewaltherrschaft spürte.

Auch wenn die Kämpfe noch andauerten und Saddam Hussein und seine Machtclique wie vom Erdboden verschwunden schienen, so wurde doch klar, er würde nicht mehr zurückkehren. Die Freude ist groß bei vielen, wie Hunderte tanzende Menschen auf den Straßen von Bagdads Armenviertel Saddam City zeigten. Doch gleichzeitig breitet sich Anarchie aus. In Bagdad wie in Basra waren die alliierten siegreichen Soldaten nicht in der Lage, die Plünderungen zu verhindern.

Während sich die britischen Truppen bemühen, ihre Kontrolle über Basra auszubauen, richtet sich ihre Aufmerksamkeit immer weniger auf die Geschosse versprengter Armeeeinheiten, sondern auf die Plündereien. Banden von Jugendlichen stürmen die Regierungsgebäude und Geschäfte in der Stadt und nehmen alles mit, was nicht niet- und nagelfest war. "Vor zwei Tagen haben diese Jungs mit Panzerfäusten auf uns geschossen, sagt ein britischer Militärbeobachter. "Heute klauen sie Fahrräder. Das nennt man Fortschritt."

Der britische Kommandeur in Basra, Generalmajor Robin Brims, nimmt jetzt Kontakt mit Leuten in der Stadt auf, die in Zukunft die Führung übernehmen sollen. Ein Teil der Verwaltungsaufgaben, so erklärt eine Sprecherin des Generalkommandos, soll an örtliche Iraker übertragen werden. Doch es werde Tage dauern, um auch nur ein Minimum an Verwaltung aufzubauen.

Es ist Zeit, nach vorne zu schauen. Dies versuchen die britischen und US-amerikanischen Soldaten zurzeit den Leuten hier zu erklären. Doch das ist schwer. Denn die Leute hier haben nicht vergessen: Hier und im ganzen Süden hatten die Iraker sich schon einmal, nach dem Golfkrieg 1991 gegen Hussein und seine Baath-Partei erhoben. Dafür waren sie damals bitter bestraft worden, die erwartete Hilfe aus Washington blieb damals aus.

Dieser bis heute unvergessene Verrat der Amerikaner machte dem Pentagon in den ersten Tagen der Invasion zu schaffen. Anstatt als Befreier wurden alliierte Soldaten skeptisch bis feindselig begrüßt. Wer weiß denn schon, ob nicht auch diesmal die Baath-Partei wieder an die Macht zurückfindet? Doch in den letzten Tagen, als die Briten in die Stadt einzogen, begann die Angst zu weichen.

"Bis jetzt hat niemand wirklich geglaubt, dass Saddam tatsächlich weg ist", so Alaa Al-Jabari, ein Nachbar von Bassim Hussein, der auch nur ein paar Blocks vom Präsidentenpalast entfernt wohnt. Jetzt, da Dutzende britischer Panzer und gepanzerter Militärfahrzeuge durch die Stadt patroullieren und symbolträchtige Gebäude wie der Sitz der Baath-Partei noch von den letzten Bombardements glimmen, "jetzt endlich fühlen sich die Bewohner Basras im Frieden".

Kurznachrichten vom Pentagon

Bassim Hussein verfolgt die Entwicklungen und Erfolge im Kriegsgeschehen über Radio, das von den Amerikanern in Bagdad ausgestrahlt wird. Abends, wenn der Empfang besser ist, bekommt er über seinen Fernseher der Marke "Made in Japan" TV-News aus Kuwait rein und Kurznachrichten vom Pentagon, in denen der US-Verteidigungsminister Donald Rumsfeld auf dem Bildschirm erscheint.

"Jeden Tag blieb ich vor dem Fernseher und wartete auf die Ansprache von Rumsfeld zur aktuellen Lage", sagt Hussein, ein schlanker Mann mit einem buschigen schwarzen Schnauzbart. "Wir glaubten jedes Wort von ihm, denn alles, was er sagte, konnten wir im Fernsehen mitverfolgen", sagt er. Das irakische Fernsehen dagegen kann seit Dienstag in Basra nicht mehr senden. Bis dahin verfolgten Hussein und sein arbeitsloser Nachbar Jabari (53) auch hier die täglichen Kurznachrichten von Bagdads Informationsminister Mohammed Said el Sahhaf. Der hatte in den letzten Tagen und Wochen wiederholt die Angaben des Pentagons wie auch unabhängige Medienberichte über die Fortschritte des US-Militärs im Irak abgestritten. "Er ist sehr lustig", sagt Jabari über den Minister, "lustig und vielleicht verrückt." Gestern war Said el Sahhaf verschwunden, die Alliierten fanden keine Spur von ihm in Bagdad.

Auch über Behauptungen, dass die Regierung in Bagdad vor Ausbruch des Krieges den Irakern Nahrungsmittelreserven für sechs Monate zur Verfügung gestellt hätte, hatte Hussein nur lachen können. Er sagt, jeder Einwohner Basras habe zwar eine Ration Reis und Getreide erhalten, die für sechs Monate reichen soll. Aber lebenswichtige Grundnahrungsmittel wie Milchpulver und Öl zum Kochen, die habe es nur in kleinen Mengen gegeben, dazu zwei Stück Seife sowie ein wenig Waschpulver.

Auf einer lebhaften, viel befahrenen Straße, die ins Zentrum von Basra führt, beschimpft Adnan Shakur (32) die Baath-Partei. Die hatte ihn ins Gefängnis gesteckt, weil er einen Sack Mehl gestohlen hatte. "Ich will alle Mitglieder der Baath-Partei umbringen" ruft er, und eine Gruppe Jugendlicher jubelt ihm zu. Und: "Ich will Saddam umbringen."

Als Shakur Besucher durch das nahe gelegene "Gefängnis für die Umerziehung Erwachsener" führt, wo man ihn drei Jahre lang eingesperrt hatte, zeigt er seine Hand, an der ihm ein Fingerknöchel fehlt und zwei Finger verkrüppelt sind. Das komme von der Folter, sagt er.

Viele Iraker schrecken immer noch davor zurück, ihren Namen zu nennen, weil sie meinen, es sei immer noch nicht sicher, frei zu sprechen - so lange nicht bewiesen ist, dass Saddam tot oder in Gefangenschaft ist. Auch jetzt noch geben die Einwohner Basras den Briten, die durch die Stadt patroullieren, nicht den warmen Empfang, auf den diese so sehr gehofft hatten. Kampfhandlungen hier haben zudem die Infrastruktur für Wasser und Strom, Plünderer große Teile der Stadt zerstört.

Ali Galib (31), ein Arzt aus Basra, der am hiesigen Krankenhaus praktiziert, kann nicht genau angeben, wie viel zivile Opfer man seit Ausbruch der Kampfhandlungen gezählt habe. Er schätzt, dass die Klinik pro Tag etwa 20 Kriegsverletzte aufnimmt.

Akram Abad Hassan, der Manager der Krankenhauses, hat zehn Mitglieder seiner Familie verloren, als eine Bombe auf sein Haus niederging, das direkt hinter einem Gebäude der Baath-Partei lag. Dies berichten zwei Bekannte von ihm. Seitdem hat er sich nicht mehr im Krankenhaus blicken lassen. "Er ist jetzt ein gebrochener Mann", sagt Galib.

Mitarbeit: Sigrid Aufterbeck/Brigitte Baas

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