Viele leiden an „leisure sickness“
Wenn das Wochenende krank macht

Kaum ist der letzte Arbeitstag mit Hochdruck hinter sich gebracht, der Koffer gepackt und der Urlaubsflieger hebt vom Boden ab, da meldet sich bereits das erste Halskratzen. Der Kopf beginnt zu schmerzen. Lähmende Müdigkeit breitet sich aus. Und pünktlich zum ersten Ferientag ist die Krankheit da.

HB/dpa HAMBURG. Etwa drei Prozent der Bevölkerung leiden einer niederländischen Studie zufolge in unseren Breiten am Phänomen der "leisure sickness", der "Freizeitkrankheit", die vor allem Berufstätige im Urlaub oder am Wochenende heimsucht. Prof. Adrian Vingerhoets, Psychologe an der niederländischen Universität Tilburg, kennt das Problem aus eigener Anschauung: "Wenn ich krank werde, dann am Wochenende oder an Weihnachten." Als Freunde von ähnlichen Erfahrungen berichteten, entschloss er sich, das Phänomen in einer Studie zu untersuchen.

1128 Männer und 765 Frauen im Alter von 16 bis 87 Jahren wurden daraufhin befragt. Das Ergebnis: Drei Prozent werden regelmäßig just in ihrer Freizeit krank (Psychother Psychosom 71, 2002, S. 311). Die Symptome reichen von Müdigkeit und Immunschwäche über Migräne, Gliederschmerzen, grippale Infekte bis zu Erbrechen und manifesten Depressionen.

Das Überraschende: Anders als zunächst vermutet, spielt es keine Rolle, ob die Freizeitkranken besonders viel Kaffee, Alkohol oder Zigaretten konsumierten. Auch sind Männer und Frauen, Singles und Familienmenschen der Studie zufolge gleich häufig betroffen. Bei allen Unterschieden scheint jedoch eines gemein: Ihnen fällt es schwer, loszulassen und abzuschalten. "Gedanklich bleiben sie mit einem Bein immer bei der Arbeit", beschreibt Vingerhoets. Der Gesundheitspsychologe Dietmar Ohm (Lübeck) kennt dieses Phänomen: "Um gesund zu bleiben, braucht der Mensch positiven Stress - einen harmonischen Wechsel von Anspannung und Entspannungsphasen.

Lebt er allerdings in einer Daueranspannung, womöglich sogar jahrelang, gewöhnt sich der Körper mit der Zeit an diesen Zustand. Und nun wird umgekehrt jede Ruhephase zum Stress." Der Effekt der nunmehr ungewohnten Ruhe: Das psychovegetative System reagiert, der Betreffende fühlt sich nicht gut oder wird sogar krank. "Nicht zufällig passieren auch viele Herzinfarkte nicht in den Belastungsspitzen, sondern nachts oder im Urlaub", sagt Ohm.

Diese krankmachende Daueranspannung komme aber nicht nur von Außen, sondern oft auch von Innen, berichtet der Entspannungsexperte. Gefährdet seien vor allem Menschen, die nicht Nein sagen können, sich für alles verantwortlich fühlen und sehr hohe Ansprüche an sich selber stellen.

Auch psychische Probleme können deshalb die Folge sein. "Jemand, der überambitioniert beruflich tätig ist, hat sich oft keine eigene Freizeitkultur aufgebaut", sagt Ohm. In Ruhephasen komme dann die große Leere. Oder aber all die seelischen Probleme treten empor, die in der Woche unter dem Deckel der Betriebsamkeit versteckt bleiben. Auch der Gesundheitspsychologe Maximilian Rieländer (Groß-Umstadt) betont, dass nicht so sehr die objektive Arbeitsbelastung, sondern der persönliche Umgang damit ausschlaggebend für eine gesunde Lebensbalance ist. Es gelte, die im Beruf verausgabte Energie rechtzeitig und regelmäßig wieder aufzutanken.

"Einem Menschen, der unter Dauerstress steht, aber einfach zu sagen, er solle "die Sache mal etwas langsamer angehen', bringt gar nichts", sagt Ohm. Hier muss vielmehr ein Weg der kleinen Schritte beginnen: Mit autogenem Training oder dem Relaxationsverfahren nach Jacobson kann die Fähigkeit zu entspannen, langsam wieder eingeübt werden - um so den Betroffenen langfristig wieder in die Wellenbewegung des Lebens, den Wechsel von Spannung und Entspannung zurückzuführen.

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