Viele Markenhersteller verschliefen die Vergabe der neuen Adress-Endung Info
In der Gewalt der Adress-Räuber

Viele Markenhersteller verschliefen die Vergabe der neuen Adress-Endung Info. Für sie könnte die Nachweihnachtszeit eine böse Überraschung bereit halten: Forderungen von Domaingrabbern, Prozesse und jede Menge Ärger.

Eine Fehlerquote von rund 20 % wäre für ein Unternehmen der Untergang. Doch wenn 20 % aller Registrierungen für die neue Internet-Adressendungen Info regelwidrig erfolgte, so beunruhigt das Afilias, die zuständige Vergabeeinrichtung nicht wirklich: "Es war nicht das sanfteste und fehlerfreieste Verfahren", wiegelt Marketing-Chef Roland La Plante ab.

Das kann man auch anders sehen: "Das Ganze ist eine riesige Spielwiese für Markenpiraterie", ärgert sich Henrik Dreier, Internet-Marketingchef beim Autohersteller Porsche. Robert Conelly, ehemaliges Afilias-Aufsichtsratsmitglied, wird noch deutlicher: Die Verteilung "war abscheulich". Anfang September verließ er das Gremium deshalb.

Die Vergabe der Info-Adressen ist zu einem verworrenen Drama geworden, das nur noch wenige durchblicken - Leidtragende sind jedoch vor allem große Marken, deren Manager nicht schnell genug reagierten. Sie könnte das Verfahren noch teuer zu stehen kommen.

Dabei war am Anfang noch alles schön und klar und gut. Neue Endungen wie Info, Biz und Name sollten für mehr Klarheit im Web sorgen und vor allem kleine Firmen und Privatleute unterstützen. Info gilt dabei als wichtigste Adresse - 75 Millionen mal soll sie bis 2003 verteilt werden.

Die Freigabe der Endungen beschloss die Web-Verwaltungsorganisation Icann und vergab die Rechte zur Verteilung an Registries. Dies sind Zusammenschlüsse von Registraren, also Dienstleistern, die Internet-Adressen für ihre Kunden registrieren und diesen häufig auch beim Aufbau ihrer Netz-Aktivitäten helfen. 18 von ihnen bilden die Registry Afilias mit Sitz in Irland - sie darf exklusiv die Info-Endung vergeben. Wenn aber so viele Vertreter aus der ganzen Welt zusammen kommen, bleibt es selten unkompliziert.

Afilias einigte sich darauf, Ende Juni zur einmonatigen "Sunrise"-Periode zu rufen. Während dieser Zeit sammelten die Registrare Anmeldungen ein, jedoch nur durch Inhaber von Markenrechten mit entsprechend offiziell verbrieften Rechten. Der Haken: Es war anscheinend kein Problem, die standardisierte Online-Anmeldung auszutricksen. Wer beim Feld für die Eingabe einer Markenanmeldung "No Trademark" eintrug, wurde ebenso akzeptiert, wie der Eintrag völlig unsinniger US-Markenanmeldungsnummern.

Und so kam die Zeit der Raubritter des Internet: der Domaingrabber. Diese sichern sich interessante Adressen, vor allem die bekannter Marken, um sie später für viel Geld an die Unternehmen zu verkaufen. Die Hersteller könnten zwar klagen - doch das kostet über Grenzen hinweg noch mehr. Andere Domaingrabber haben sich auf allgemein gültige Begriffe spezialisiert wie einst www.sex.com - sie haben das leichteste Spiel, weil erst geklärt werden muss, wer wirklich ein Recht auf die Adresse hat. Folge: "Für kurze, attraktive Namen wurde an manche Domaingrabber in den ersten Tagen der De- und Com-Endungen siebenstellige Beträge gezahlt", erinnert sich Andrea Jaeger- Lenz, Internet-Expertin und Rechtsanwältin der Hamburger Kanzlei Latham & Watkins.

Afilias unterschätzte anfangs die Zahl der Adress-Räuber: "Wir hätten die Anmeldungen besser prüfen müssen", gestand Marketing-Chef Roland La Plante gegenüber dem britischen Web-Magazin "The Register". Online jedoch sei eine Überprüfung gar nicht möglich gewesen: "Es gibt ja noch keine internationale Marken-Datenbank."

Anschließend spielte Afilias eine Art Domain-Flaschendrehen. Beispiel: Ein Domaingrabber in Japan reservierte sich die Adresse www.sap.info. Das gleiche tat SAP selbst in Deutschland. Bei Verhandlungsrunden während der Sunrise-Phase kamen die Registrare im virtuellen Kreis zusammen und per Zufallsauswahl durfte nacheinander jeder eine Adresse anmelden - egal welche. Ist der japanische Registrar vor dem deutschen an der Reihe und gehört Sap.info zu seinen früh angemeldeten Adressen, belegt er sie - der Software-Hersteller ist erst mal außen vor.

So wurden Deutschland.info und Bundesregierung.info von einer Duisburger Web-Agentur belegt, Privatleute sicherten sich Sap.info und Porsche.info. Gleich 5 000 der neuen Adressen ließ sich der österreichische Reiseanbieter Tiscover reservieren - vor allem deutsche Städtenamen. Rainer Redmann, Internet-Koordinator der Stadt Duisburg fordert: "Wo ein Stadtname drauf steht, muss auch ein Stadtname drin sein. Wenn öffentliche Ausschreibungen bald im Internet erfolgen und die digitale Signatur zum täglichen Alltag dazugehört, entsteht für Gemeinden ein erheblicher Imageschaden, wenn Interessenten fehlgeleitet werden."

So manches Unternehmen wusste möglicherweise nicht einmal von dem Vergabeverfahren - es ist umstritten, ob Afilias seiner Pflicht nachkam, ausreichen für die Vergabe zu werben.

Jetzt soll ein Schiedsverfahren die Ungerechtigkeiten beseitigen. Übergangene Unternehmen können noch bis zum 26. Dezember dieses Jahres ihr Veto gegen rechtswidrig vorgemerkte Info-Adressen bei Afilias einlegen. Einigen sich die Bewerber für ein und denselben Namen nicht vor der Schlichtungsstelle in Genf, müssen sie vor Gericht gehen. Oder sie beauftragen direkt einen Anwalt und klagen - doch das kann Jahre dauern. Fest steht, dass sich in den nächsten vier Monaten nichts ändert, die Web- Adressen liegen so lange brach. "Afilias hat ein heilloses Chaos verursacht, Tausende von Markennamen sind jetzt blockiert", kritisiert Burkhard Luhmer, Internet-Spezialist und Rechtsanwalt bei der Kölner Kanzlei Rödl & Partner.

Finanziell dürfte den Registraren die Flut von Schiedsprozessen nicht ungelegen kommen. Der Verlierer der Schlichtung zahlt 295 $ Gebühren, der Gewinner 75 $. Nach einer erst am 20. November bekannt gemachten Änderung des Verfahrens muss sich der Sieger außerdem nochmals anmelden, diesmal mit schriftlich verbrieften Markenrechten - und zahlt noch einmal die Registrierungsgebühren. Diese sind je nach Registrar unterschiedlich.

Probleme haben neben Markenartiklern auch Unternehmen, die Branchen als Domainnamen beantragten. Gleich fünf Antragsteller begehren beispielsweise www.business.info. Auch Wortkombinationen als Firmennamen wie Good News Marketing sind in der Klemme. Der Begriff "Good News" lässt sich nicht als Marke schützen. Doch Afilias hat diese Wortkombination schon anderweitig vergeben.

Auf die betroffenen Firmen kommt also einiges zu an Anwaltskosten und Verfahrensgebühren. Juristin Jaeger-Lenz: "Letztlich ist das Ganze ein Arbeitsbeschaffungsprogramm für Registrare, Provider und Anwälte." Nur Afilias Marketing-Chef La Plante sieht das Ganze gelassen: "Ich glaube nicht, dass wir ein perfektes System hätten entwerfen können."

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INTERNET-ADRESSEN

www.afilias.com/register/dispute_resolution/ sunrise_challenge_overview: Für Firmen, deren Name bereits blockiert ist: Details zur Schlichtung.

www.icannwatch.org: Diskussionsforum mit unabhängigen Kommentaren zu den Problemen des Anmeldeverfahrens für die Info- und Biz-Endungen.

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