Viele Mittelständler wünschen sich mehr Unterstützung aus Brüssel für eine einheitliche europäische Gesellschaftsform
Auch im Ausland unter eigener Flagge segeln

Die Gründung von Auslandsgesellschaften ist für viele mittelständisch geprägte Familienunternehmen eine teure Angelegenheit. Hinzu kommen in jedem Land jeweils eigene bürokratische Fallstricke. Die Unternehmen richten deshalb ihre Hoffnung auf die baldige Einführung der Europäischen Privat-Gesellschaft.

HB FRANKFURT/M. Jürgen Gerstner, Hausjurist des Verpackungsmaschinenherstellers Multivac im bayerischen Wolfertschwenden hat runde zwanzig Jahre Erfahrung mit Auslandstöchtern quer durch Europa. Doch gegen Überraschungen aus den sehr verschiedenen Varianten des Gesellschaftsrechts ist er noch längst nicht gefeit: "Selbst in Österreich ist es uns passiert, dass eine Änderung des Gesellschaftervertrags zunächst von der Registerbehörde beanstandet wurde."

Besonders problematisch: Firmengründungen in Frankreich und Großbritannien


Auch Stefan Pfaff, geschäftsführender Gesellschafter der Pfaff Silberblau Hebezeug-Fabrik im ebenfalls bayerischen Friedberg, weiß nach fünf Jahren der Umstellung auf eigene Vertriebs- und Servicetöchter, dass Firmengründungen im europäischen Ausland hakelige Angelegenheiten sein können. "Als besonders schwierig haben wir die Prozeduren in Frankreich und Großbritannien empfunden. In England hatten wir mit lokalem juristischen Beistand den Gesellschaftervertrag fix und fertig und wollten ihn beim Registergericht eintragen lassen. Und dann stellt der Richter irgendeinen Formfehler fest und sagt freundlich: ,Do it again!?", berichtet Pfaff von den "Freuden" der Auslandsgründung.

Er beziffert auch die Kosten eines solchen Unterfangens: Die Gründung in Frankreich habe runde 80 000 Euro, die in Großbritannien 50 000 Euro gekostet. "Das ist der reine Aufwand für den administrativen Akt und seine Vorbereitung, noch ohne alle Reisekosten und ohne die Ausgaben für den eigentlichen Betrieb", betont Pfaff. "Ein Mittelstandsunternehmer muss über solche Beträge durchaus nachdenken."

"Euro-GmbH" als kleine Schwester der Euro- Aktiengesellschaft


Die Experten beider Unternehmen - wie Hunderte weiterer europäischer Mittelständler - hoffen darauf, dass die EU-Kommission möglichst rasch eine einheitliche europäische Rechtsform für kleine und mittlere Unternehmen auf den Weg bringt. Die Europäische Privat-Gesellschaft (EPG), in Deutschland gerne als "Euro-GmbH" apostrophiert, soll sozusagen die kleine Schwester der bereits verabschiedeten Euro-Aktiengesellschaft werden.

"Wir erhalten unzählige Anfragen von Unternehmen, die Töchter im Ausland gründen wollen. Dabei geht es immer um dieselben Probleme: die Voraussetzungen der Gründung, das Prozedere der Registrierung, die Haftung, das Mindestkapital und die Gründungskosten, an denen die Beratungskosten oft einen enormen Anteil haben", erläutert Christian Steinberger, Leiter der Rechtsabteilung im Maschinenbauverband VDMA. Und: "Wir beobachten, dass immer mehr Mittelständler im Ausland lieber unter eigener Flagge segeln wollen, statt sich wie bisher von Handelsvertretern oder Vertragshändlern vertreten zu lassen."

Internationale Expertengruppe erörtert "The European Private Company"


Das Problem der Euro-Gesellschaft schmort schon seit etlichen Jahren. Zuletzt hat die Industrie- und Handelskammer der Region Paris einen Kreis renommierter Gesellschaftsrechtler aus mehreren europäischen Ländern zusammengerufen, um konkrete Vorschläge zur Gestaltung der EPG zu machen. Das war 1998.

Im September 2001 endlich hat die Brüsseler Kommission eine internationale Expertengruppe für Fragen des Gesellschaftsrechts ins Leben gerufen, deren erstes Konsultationspapier unter Punkt 3.6 auch "The European Private Company" erörtert. Um solchen ersten, zaghaften Anläufen etwas mehr Schwung zu verleihen, hat der VDMA mit einem Positionspapier geantwortet und eigens dafür eine Umfrage unter betroffenen Mitgliedsunternehmen veranstaltet.

Die Ergebnisse sind beeindruckend:


95 % der Unternehmen würden neue Tochtergesellschaften in der EU in der Form der EPG gründen, wenn es möglich wäre. Die derzeit 15 verschiedenen Gesellschaftsrechtssysteme erweisen sich immer wieder als Hindernis.

54 % wären sogar daran interessiert, bereits bestehende Töchter in EPG umzuwandeln. Denn auch die laufende "Wartung" der Firmen - etwa durch kleine Änderungen in Gesellschaftsvertrag oder Satzung - ist im Ausland recht aufwendig. Und: "Unsere Mittelständler behalten ihre Angelegenheiten gerne selbst im Griff", erklärt Steinberger.

66 % der Unternehmer würden die EPG als Gesellschaftsform selbst dann wählen, wenn das jeweils nationale Arbeits- und Steuerrecht unverändert für sie gälte, was vorläufig sehr wahrscheinlich ist.

Flexible Registrierung wünschenswert


Erstaunlich ist die Rangfolge der Vorteile, die die befragten Mittelstandsunternehmen der EPG beimessen. Denn deutlich vor dem organisatorischen Nutzen und der erleichterten grenzüberschreitenden Tätigkeit rangieren die rechtlichen Aspekte, allen voran die erhöhte Rechtssicherheit. In diesem Zusammenhang werden die Formalien der Gesellschafterversammlung ausdrücklich erwähnt, offenbar ein Feld häufiger Kollisionen mit dem ausländischen Recht.

Wichtig ist den Unternehmen zudem eine flexiblere Registrierung der neuen Gesellschaften - auch hier gibt es zahlreiche Klagen über die allzu starre Handhabung in einigen Ländern. Dass grenzüberschreitende Unternehmenszusammenschlüsse, etwa bei einem Umbau der Auslandsorganisation, erleichtert werden, liegt den gründungswilligen Mittelständlern ebenfalls am Herzen. Begrüßen würden sie nicht zuletzt einheitliche Vorgaben zur Ausgabe und Übertragung von Geschäftsanteilen.

Die EPG sollte möglichst schnell kommen, meint Steinberger. "Bei den Unternehmern sollte nicht das Gefühl entstehen, die Verabschiedung der EPG müsse genauso lange dauern wie das Hin und Her über die Europäische Aktiengesellschaft. Dort haperte es vor allem an den Regelungen zur Mitbestimmung. Die aber sollte bei der EPG außen vor bleiben." Stefan Pfaff will dennoch nicht mit weiteren Auslandsgründungen warten: "Wir gehen als Nächstes nach Dänemark und Schweden. Und dabei werden wir die Erfahrungen aus unseren bisherigen Gründungen systematisch berücksichtigen."

Quelle: Handelsblatt

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