Viele Privatanleger reagieren wie gelähmt auf Katastrophe
Experten warnen vor panikartigen Aktienverkäufen

Die Attentate in den USA versetzten deutschen Privatanleger gestern einen Schock. Statt der Sorge um das eigene Depot standen offenbar zunächst die Opfer und die Folgen im Blickpunkt. Banken und Anlegerschützer warnten heute vor Panikverkäufen von Aktien. Allerdings herrscht bei Privaten wie Profis enorme Unsicherheit.

rez/yo/tmo DÜSSELDORF / FRANKFURT/M. Gähnende Leere herrschte am Mittwochmorgen in der Frankfurter Volksbank am Börsenplatz 1, im Herzen der Mainmetropole gelegen. Sieben Kunden haben sich still vor einem Bildschirm gruppiert. Doch statt der Kursbänder des Senders NTV verfolgen sie dort den Berliner Gedenkgottesdienst für die Opfer der US-Attentate.

Diese Szene ist typisch. "Viele Anleger sind wie gelähmt", sagt Petra Krüll von der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW). Derzeit dächten viele weniger ihr Depot, sondern an die Opfer und die Folgen der Attentate. "Die Sorgen der Leute gehen weit über das Finanzielle hinaus", berichtet Krüll. Besonders schlimm sei, dass die Schreckensnachricht auf Anleger traf, die nach der Börsentalfahrt ohnehin demoralisiert seien.

Dennoch reagierte bislang kaum ein Privatkunde mit Panikverkäufen, wie Bankberater gestern berichten. Vielmehr hätten vor allem professionelle Investoren den Kursrutsch am Dienstag verursacht.

Stratege rät eher zum Kauf als zur Abkehr von Aktien

Die Privaten folgten offenbar dem Rat, den Anlegerschützer und Banker gestern unisono gaben: "Jetzt zu verkaufen, macht keinen Sinn", sagt Rolf Elgeti, Aktienstratege der Commerzbank in London. Eher lohne es sich, über Käufe nachzudenken. Auch die Schutzvereinigung, die Fondsgesellschaft der Deutschen Bank und die Privatbank Delbrück empfehlen, Aktien jetzt nicht blind abzustoßen.

Auch die Erinnerung an frühere Katastrophen lehre, dass die beste Entscheidung sei, nichts zu tun, meint Peter Knacke, Anlagestratege für Privatkunden bei der Commerzbank in Frankfurt. Die Börsen übertrieben nach unten. Zwar wisse niemand, welche politischen und ökonomischen Folgen der Terroranschlag habe. Doch hält man bei der Commerzbank das Risiko einer weltweiten kriegerischen Auseinandersetzung für gering.

Doch die Unsicherheit ist enorm. "Wenn man ehrlich ist, kann derzeit niemand sagen, wie es an den Märkten weiter geht", sagt Elgeti. So wagte gestern kaum jemand eine klare Aussage, ob die erhöhten Risiken für die Börsen in den Kursen bereits enthalten sind.

Die großen deutschen Fondshäuser stoßen nach eigenen Angaben zumindest keine Aktien ab, sieht man von einigen Absicherungsgeschäften ab. "Wir stehen nicht auf der Verkäuferseite", sagt Horst Zirener, Vorstandschef des Sparkassen-Fondshauses Deka. Schließlich seien die Märkte bereits vor der Katastrophe überverkauft gewesen. Das heiße aber nicht, dass sich die Fondsmanager nun blind auf vermeintlich günstige Aktien stürzten, sagt Zirener. Vielmehr müsse zunächst genau beobachtet werden, ob "die Welt von vorgestern noch die von morgen ist".

Beim Dresdner-Fondshaus DIT sieht Sprecher Matthias Jansen "keinen Handlungsbedarf durch diesen exogenen Schock". Es würden nur Geschäfte abgewickelt, die vor der Katastrophe veranlasst wurden. Jetzt spekulativ zu handeln, mache keinen Sinn, sagt Jansen: "Wir werfen keine Münzen".

Schnäppchenjagd während der Attentat-Serie

Da viele Investoren sich zurückhielten, prägten zeitweise Zocker die Börsen. Einige witterten bereits am Dienstag ihre Chance - und griffen zu. "Das war zum Teil erschreckend, wie manche Privatkunden am Telefon aggressiv ihre Kauforders abgaben, während gleichzeitig die schrecklichen Bilder aus New York im Fernsehen liefen", sagt Fritz Sander, Filialberater im niederrheinischen Mönchengladbach. Beim Direktbroker Consors zog am Mittwochmittag der zunächst flaue Handel an. Auch hier waren offenbar Schnäppchenjäger unterwegs.

In Krisen wie dieser müsse man sich an zwei Prinzipien erinnern, meint Christoph Bruns, Aktienfonds-Chef bei der Fondgesellschaft Union Investment: Erstens bewege sich die Welt langfristig rational. Zweitens liege auf lange Sicht der Gewinn im günstigen Einkauf. Daher prüfen die Union-Experten derzeit ihre Portfolios.

Bruns sieht etwa Versicherer als Profiteure der Krise. Auch Commerzbank-Stratege Elgeti hält den Kurssturz für "klar übertrieben"; ähnlich urteilen die Bankhäuser Sal. Oppenheim und Delbrück. "In der Vergangenheit war es nie richtig, Versicherungsaktien nach Katastrophen zu verkaufen", sagt Elgeti. Denn nach früheren Erdbeben oder Hurrikan-Stürmen stieg die Nachfrage nach Versicherungen stark.

Den Kurssturz bei Fluglinien-Aktien halten viele Experten indes für gerechtfertigt. Gleichzeitig warnen Strategen wie Elgeti davor, in die bereits kräftig gestiegenen US-Staatsanleihen zu investieren. Denn falls die USA im Zuge des Wiederaufbaus neue Anleihen ausgäben, drohten Kursverluste.

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