Viele Top-Manager würden gern echten „global player“ führen
Nationalstolz als Hindernis auf dem Weg zur Megabank

Auf dem Papier gibt es etliche Gründe, die für einen Zusammenschluss von Grossbanken in mehreren Ländern Europas sprechen. Doch abseits von Sonntagsreden und blumigen Absichtserklärungen rechnen Fachleute erst in zwei bis fünf Jahren mit ersten Übernahmen.

HB FRANKFURT. Alle reden darüber, nur passiert ist bisher wenig. "Die Konsolidierung der europäischen Bankenlandschaft" ist ein beliebtes Thema für Tagungen und Festreden. Und ungeachtet der Tatsache, dass es bisher noch keine einzige wirklich große Bankenfusion über die Grenzen hinweg gab, sind fast alle Experten überzeugt, dass es nur noch eine Frage der Zeit ist, bis die Welle ins Rollen kommt.

Tatsächlich gibt es auf dem Papier eine Menge plausibler Gründe für einen Zusammenschluss von Großbanken in mehreren Ländern: Die Einführung des Euro und die Schaffung eines einheitlichen Wirtschaftsraums, die Hoffnung aus Skaleneffekte nach der Schaffung von Megabanken, die Risikodiversifizierung durch Präsenz in mehreren Ländern und natürlich der potenzielle Ehrgeiz vieler Manager, einmal einen echten "global player" zu führen.

Grenzüberschreitende Übernahmen gab es auch schon: Anfang der neunziger Jahre wurde in Belgien und den Niederlanden der Allfinanzkonzern Fortis geschmiedet. In Skandinavien gab es ebenfalls regionale Zusammenschlüsse. Auch in Deutschland haben sich einige ausländische Banken eingekauft. So wurde die BHF Bank vom holländischen Finanzriesen ING geschluckt, und die schwedische SEB verleibte sich die ehemals gewerkschaftseigene Bank für Gemeinwirtschaft (BfG) ein.

Insgesamt gab es seit 1995 nach Angaben von Fox-Pitt, Kelton in Europa immerhin 20 grenzüberschreitende Übernahmen. Doch waren dies eben in aller Regel kleinere Transaktionen. Nur in einem Fall überschritt der Wert die Schallmauer von zehn Millionen Dollar - dies war der Kauf von Credit Commercial de France durch HSBC im Jahr 2000. Was fehlt, ist der erste Zusammenschluss zweier Großbanken der ersten Kategorie.

Natürlich denken die Bankenchefs auch darüber nach. Die Analysten von Fox-Pitt, Kelton sind sogar überzeugt, "dass die meisten größeren Banken zumindest informelle Diskussionen mit den meisten anderen Banken geführt haben". Getrieben seien die Gespräche nicht zuletzt von der Sorge, im Konsolidierungs-Spiel außen vor zu bleiben. An die Öffentlichkeit geraten derartige Verhandlungen naturgemäß nur selten. Ein Beispiel war die versuchte Annäherung zwischen der italienischen Unicredito und der Commerzbank.

Dass die Gespräche bisher stets im Sande verliefen, hat mehrere Gründe. Eine wichtige Rolle dürfte der Kursverfall an den Börsen spielen. Dieser hat dazu geführt, dass Aktien als Zahlungsmittel bei den Aktionären der "Übernahmeopfer" nicht mehr sonderlich beliebt sind. Aber in bar sind große Transaktionen kaum zu bezahlen. Hinzu kommt, dass viele Bankenchefs nach dem Kursverfall glauben, gerade ihr eigenes Haus sei unterbewertet.

Operative Schwierigkeiten nicht zu leugnen

Auch Banker, die fest an die Vorteile einer globalen Präsenz glauben, leugnen überdies nicht die operativen Schwierigkeiten einer großen Übernahme. Win Bischoff, Europachef der weltweit agierenden Citigroup, etwa hält Fusionen in Europa für schwierig. Er verweist auf kulturelle Unterschiede und unterschiedliche Geschäftsmodelle der Großbanken.

Zudem ließen sich die Kosten bei grenzüberschreitenden Fusionen weniger stark senken als bei Zusammenschlüssen auf nationaler Ebene. Andere Experten stimmen dem zu: Während der wirtschaftliche Nutzen von Fusionen im Inland häufig gerade darin liegt, Zweigstellen dicht zu machen und Personal abzubauen, macht dies bei Übernahmen im Ausland in der Regel keinen Sinn, weil es kaum Überlappungen geben dürfte. Auch der Aufbau und der Betrieb einer einheitlichen technischen Plattform in mehreren Ländern ist ein schwieriges Unterfangen.

Als weiteres Hindernis erweist sich der Nationalstolz. So musste die spanische Großbank Santander Central Hispano beim Kauf der Banco Totta & Acores in Portugal die EU einschalten. Auch der italienischen Notenbank wird nachgesagt, dass sie eine Übernahme einer großen italienischen Bank durch ein ausländisches Institut nur äußerst ungern zulassen würde - wenn überhaupt.

Angesichts dieser und anderer Hürden wird die Bankenkonsolidierung nach Ansicht von Fox-Pitt, Kelton in nächster Zeit weiter lediglich auf nationaler Ebene stattfinden. Als potenzielle Übernahmekandidaten nennen die Analysten neben einigen kleinere Banken in Spanien auch Credit Lyonnais in Frankreich, Banca Nazionale del Lavoro in Italien und die Commerzbank in Frankfurt.

Dennoch sind sich fast alle Experten einig, dass die grenzüberschreitende Konsolidierung kommen wird. Der Chef der spanischen Großbank Banco Bilbao Vizcaya Argentaria (BBVA), Francisco González, beispielsweise rechnet in zwei bis fünf Jahren mit ersten Übernahmen. Seine eigene Bank, dem Börsenwert nach immerhin die Nummer zwei in der Eurozone nach BNP Paribas, soll dabei selbstverständlich nicht außen vor bleiben.

Weitgehend einig sind sich die europäischen Finanzkreise überdies in einem weiteren Punkt: Sobald eine erste Großfusion über die Bühne geht, dürfte das Eis endgültig gebrochen sein. Auf die zweite Fusion wird die Fachwelt mit ziemlicher Sicherheit nicht so lange warten müssen wie auf die erste.

Quelle: Handelsblatt

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