Viele Unternehmen kennen nur die Hochkonjunkturphase
Fit für neue Taten

Der Chef des einstigen Börsenlieblings JDS Uniphase, Jozef Straus, hat in diesem Jahr keinen leichten Job: Der kanadische Hersteller von Glasfaserkomponenten liegt mit einem Fehlbetrag von 50,6 Milliarden US-Dollar noch vor den anderen großen Verlustmachern Nortel, Alcatel und Lucent. Vor allem Telekom - und Technologie-Unternehmen verunsichern derzeit die Anleger mit roten Zahlen. Drastische Einschnitte sollen die Rettung bringen: Insgesamt 16 000 Mitarbeiter will allein JDS-Chef Straus nach Hause schicken. Das ist deutlich mehr als die Hälfte der gesamten Belegschaft. Damit steht JDS Uniphase an der Spitze der Konzerne, die durch Entlassungen von sich reden machen.

FRANKFURT. "Restrukturierung" heißt die Zauberformel, mit der Konzernlenker versuchen, ihre Unternehmen wieder auf Kurs zu bringen. Die Rechnung der Stellenkürzer ist einfach: Durch Entlassungen werden kurzfristig die Kosten gesenkt - auch wenn zunächst Rückstellungen für Entlassungen die Bilanzen belasten. Kostensenkungen sind gerade in Zeiten wegbrechender Umsätze überlebenswichtig. Das gelte insbesondere für personalintensiv arbeitende Branchen wie die Herstellung optischer Komponenten oder Telekom-Ausrüster, sagt Tobias Bettkober, Experte für Technologiewerte bei der Fondsgesellschaft Deka.

Wieso konnten die Konzerne überhaupt so tief in die Krise geraten? Nicht zuletzt deswegen, weil viele Wachstumsunternehmen nur die Phase der Hochkonjunktur kennen gelernt haben und dem Management die Rezessionserfahrung fehlt, wie es Achim Riemann, Geschäftsführer bei der Unternehmensberatung Arthur D. Little, formuliert. Gerade Unternehmen aus der Technologie- und Telekombranche hätten sowohl ihre Kapazitäten als auch ihr operatives Geschäft auf ein zu hoch angenommenes Wachstum ausgerichtet, meint Rolf Elgeti, Aktienstratege bei der Commerzbank. "Jetzt ist der Anteil der Fixkosten an den Gesamtkosten einfach zu hoch, und die Gewinne fallen stärker als die Umsätze", sagt der Aktienstratege. "JDS Uniphase oder Cisco sind relativ junge Unternehmen, für die kam der Einbruch überraschend. Dagegen weiß man in der Stahlbranche um das zyklische Geschäft und arbeitet permanent am Kostengefüge", erläutert Riemann. Deshalb reagieren auch die Aktienkurse unterschiedlich, wenn Entlassungen angekündigt werden.

Entlassungen treiben die Kurse nicht

Bei Technologiefirmen können Entlassungen ein Signal dafür sein, dass kein ausreichendes Wachstum mehr vorhanden ist. Deswegen treiben Stellenkürzungen die Kurse in der Regel auch nicht sofort nach oben. Steven Milunovich, Analyst bei Merrill Lynch, wertet die Entlassungswelle im Technologiesektor als Indiz dafür, dass die Unternehmen selbst noch keinen baldigen Umschwung sehen. Zumindest die Telekom-Ausrüster rechneten erst im zweiten Halbjahr 2002 mit steigender Nachfrage, sagt Fondsmanager Bettkober. Sollte das richtig sein, würde sich das aber schon heute in den Aktienkursen widerspiegeln. Für Stratege Elgeti ist die Entlassungswelle im Tech- und Telekomsektor der "Anfang vom Ende" und damit das Zeichen für einen bevorstehenden Turnaround, also einen erneuten Aufschwung. Auch Matthias Jörss, Aktienstratege bei Sal. Oppenheim, hält Aktien aus dem Telekom-Sektor auf dem aktuellen Kursniveau wieder für kaufenswert.

Allerdings sind nicht alle Restrukturierungsanwärter klare Kaufkandidaten. Wenn sich der Eindruck von blindem Aktionismus verfestigt, dann bröckeln die Kurse weiter. "Wenn mehr als zehn Prozent entlassen werden, bricht auch die Motivation der Leistungsträger weg", sagt ein Consultant für deutsche Konzerne. Das wirkt sich dann kontraproduktiv aus und belastet langfristig den Aktienkurs. Für Ronald Geiger, Geschäftsführer bei der Unternehmensberatung Cap Gemini Ernst & Young, ist eine Restrukturierung positiv, wenn sie:

>> mit einer Konzentration auf die Kerngeschäftsfelder einhergeht,

>> generell übersichtliche und straffe Strukturen schafft,

>> zeitlich und vom Umfang her klar festgelegt wird, weil sonst die Unsicherheit in der Belegschaft bleibt.

Wichtig ist aber auch das "Erwartungsmanagement". Denn wenn der Markt eine aggressive Restrukturierung erwartet, dann aber nur ein laues Lüftchen kommt, lautet die Interpretation: interne Probleme oder mangelnde Durchsetzungskraft des Top-Managements.

Manchmal wird aber auch Zurückhaltung bei Entlassungen von der Börse honoriert, etwa wenn Unternehmen im Abschwung Marktanteile erobern wollen, wie beispielsweise Nokia. "Zuwächse in der Rezession sind preiswerter zu bekommen als im Boom", urteilt ein Unternehmensberater, das zahle sich langfristig aus.

Letztlich könnten insbesondere US-Unternehmen schneller und stärker von Entlassungen profitieren als europäische Unternehmen. Der Arbeitsmarkt in den USA unterliegt weniger staatlichen Regulierungen als hier zu Lande. Deswegen können Arbeitnehmer schneller und billiger - ohne hohe Abfindungen - entlassen werden. Allerdings scheinen auch die Arbeitnehmer von diesen Regelungen zu profitieren: Trotz Massenentlassungen in den USA habe sich die Arbeitslosenquote kaum verändert, weil viele Leute schnell wieder einen neuen Job fänden, sagt Deka-Fondsstratege Bettkober.

Für Deutschland schätzt Walter Jochmann, Chef bei Kienbaum Management Consultants, dass die Großunternehmen in punkto Konzernumbau erst ein Drittel des Weges zurückgelegt haben. In diesem und im nächsten Jahr würden noch zahlreiche Restrukturierungen anstehen. Gleichzeitig ist sich aber die Mehrzahl der Analysten einig: Entlassungen kennzeichnen in der Regel die Endphase eines Abschwungs vor dem Wendepunkt. Die Unternehmen kommen danach schlanker aus der Krise, die Aktionäre profitieren von steigenden Gewinnen.

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