Viele Unternehmen sagen Emissionen kurzfristig wegen mangelnder Nachfrage ab
Käufer streiken bei neuen Firmenanleihen

Für neue Unternehmensanleihen sieht es düster aus: Firmen sagen reihenweise geplante Bonds ab. Die Investoren sind auf Grund der zahlreichen Anleihepleiten und der schwachen Aktienmärkte vorsichtig geworden. In Bankenkreisen wird spekuliert, dass auch die neue Anleihe von Heidelberg Cement nicht genügend Käufer findet.

FRANKFURT/M. Der Markt für neue Unternehmensanleihen in Europa steckt in der Krise: Es finden sich einfach nicht mehr genügend Käufer für geplante Emissionen. "Vor ein paar Monaten wurde der Markt von den Emittenten bestimmt, jetzt haben die Investoren das Sagen", sagt Frédéric Zorzi, der bei BNP Paribas in London das Bond-Syndikat für europäische Unternehmensanleihen leitet.

Und die Investoren sagen immer häufiger Nein zu geplanten Bonds. Nächstes Opfer könnte der angekündigte Bond von Heidelberg Cement über 500 Mill. werden. Im Handel kursieren bereits Gerüchte, dass der Deal unter Federführung der Deutschen Bank, Dresdner Kleinwort Wasserstein und Schroder Salomon Smith Barney (SSSB) gefährdet ist. Der Rückzug der Emission des französischen Zementherstellers Lafarge sei kein gutes Zeichen und die Renditen der Heidelberger-Anleihen, die bereits gehandelt werden, seien gestiegen, hieß es im Handel.

Heidelberg Cement befindet sich in guter Gesellschaft. In den vergangenen vier Wochen folgten die Absagen Schlag auf Schlag:Emissionspläne für insgesamt mehr als 5 Mrd. verschwanden in den Schubladen, darunter große Deals des Hongkonger Mischkonzerns Hutchison Whampoa oder der Commerzbank-Tochter Hypothekenbank in Essen. Auch der schwedische Automobilkonzerns Volvo hat Bankenkreisen zufolge eine geplante Transaktion gestrichen. Die Schlappen trafen selbst Firmen mit sehr guter Bonität wie den französischen Versorger Eléctricité de France.

In diesem Jahr wurden nach Angaben der Wirtschaftsagentur Bloomberg insgesamt bereits geplante Anleihen über rund 15 Mrd. storniert. Darunter mussten Bertelsmann und die französische Hotelkette Accor ihre neuen Anleihen zurückziehen. "Die Investoren haben Angst vor dem höheren Risiko", sagt Robin Stoole vom Syndikat bei JPMorgan.

Viele Unternehmen zahlen nicht

Das Risiko ist in der Tat gestiegen. In den ersten neun Monaten dieses Jahres blieben nach Angaben der Ratingagentur Moody?s weltweit Unternehmen Zahlungen auf Anleihen über 140 Mrd.$ schuldig. Das ist schon mehr als im gesamten vergangenen Jahr. Auffällig ist, dass vor allem in Euro oder Pfund Sterling angekündigte Bonds kurzfristig zurückgezogen werden. "Investoren in Europa sind vorsichtiger als die in den USA", erklärt Stoole. "Der US-Markt für Unternehmensbonds ist reifer. In den USA lässt sich in Dollar für fast alle Neuemissionen ein marktgerechter Preis finden - in Europa nicht."

Zur Verunsicherung der Investoren haben auch die anhaltenden Verluste an den Aktienmärkten und Ängste vor einer lang andauernden Wirtschaftskrise sowie vor einem Krieg gegen den Irak beigetragen. Angesichts der Situation sind die Kurse der Unternehmensanleihen gefallen und deren Renditen im Gegenzug gestiegen. Gleichzeitig boomen Staatsanleihen, die von ihrem Ruf als sicherer Anlagehafen profitieren. Dementsprechend sinken deren Renditen. Deshalb hat sich der Risikoaufschlag (Spread) zwischen Staatsanleihen und Unternehmensbonds, die von den Ratingagenturen als Investitionsklasse eingestuft werden, deutlich vergrößert.

Kerryn Fowlie, Volkswirtin bei der Ratingagentur Moody?s geht davon aus, dass die Spreads auch noch eine Weile hoch bleiben werden. Bei Neuemissionen bieten Unternehmen oft noch etwas höhere Spreads als bei Anleihen, die schon auf dem Markt sind. Die Aufschläge, die die Investoren jetzt fordern, seien vielen Emittenten aber schlichtweg zu hoch, heißt es bei Konsortialbanken.

Manchmal spielt auch der Zufall eine Rolle. So brachen Technologieaktien an der Wall Street ein, kurz bevor der US- Technologieriese Hewlett Packard einen neuen Bond platzieren wollte. Das ist schlecht, denn:"Bei Emissionen ist das Timing entscheidend", sagt Zorzi von BNP. Der plötzliche Rückzug von Emissionen ist für die Konsortialführer besonders ärgerlich, denn sie gehen dann leer aus. Die Gebühren - zwischen 0,25 und 0,50 Prozentpunkte des Anleihevolumens - bekommen sie erst nach der Transaktion. Sie können nur darauf hoffen, dass der Deal nachgeholt wird. Banker gehen aber davon aus, dass es am Emissionsmarkt wieder besser laufen wird. "Die Investoren haben eine Menge Bargeld", sagt Stoole. Dass sie dies auch anlegen wollten, zeigten die jüngsten Emissionen der Deutschen Post und des australischen Minenkonzerns BHPBilliton, die beide deutlich überzeichnet waren.

Andrea Cünnen
Andrea Cünnen
Handelsblatt / Finanzkorrespondentin
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