Viele Wege führen nach Frankfurt nach London
Gastkommentar: Eine richtige Entscheidung

Häufig fühlen sich Manager nach einem fehlgeschlagenen Coup missverstanden. Ein Unternehmen wie die Deutsche Börse AG kann sich derartige Sensibilitäten nicht leisten. Sie braucht Typen, die nach vorne schauend neue Wege erschließen. Genau diese Einstellung demonstriert zurzeit Werner G. Seifert mit dem rasanten Gang der Deutschen Börse an die Börse. Seifert setzt alle Hebel in Bewegung, sich neue Handlungsalternativen zu erschließen. Finanziell agiert er dabei aus einer Position der Stärke. Mit erstklassigen Produkten, marktfähiger Rentabilität und hoher Reputation könnte er problemlos, statt Substanz zu bilden, eine höhere Dividende ausschütten.

Der zu erwartende Mittelzufluss aus dem Börsengang verschafft der Deutschen Börse stattdessen zusätzliche Munition für größere Vorhaben der Produkt- und Markterschließung. Nach dem Scheitern von iX als gemeinsamer Börse von Frankfurt und London ist dies die richtige Entscheidung. Vielleicht führt einer der neuen Wege sogar doch noch nach London.

Die Abrechnung bleibt das Sorgenkind der Börsen

Wo liegen aber die rentabelsten Investments der Deutschen Börse, wenn sie eine attraktive Rendite bieten will? Die höchsten Renditen versprechen zurzeit nicht mehr weitere hocheffiziente Handelsplattformen, sondern die Börsenbereiche, in denen die Märkte am schlechtesten funktionieren. Am rückständigsten ist im Vergleich zu den Handelssystemen die Abrechnung und Abwicklung der Börsengeschäfte. Gelingt es der Deutschen Börse, ein leistungsfähigeres globales Clearing und Settlement in die Wege zu leiten, so schafft sie es - ähnlich wie mit der Terminbörse Eurex und dem elektronischen Handelssystem Xetra -, Kunden anzuziehen.

Im heutigen Zeitalter pulsieren Handel und Informationen im Minutentakt. In diesem Umfeld ist es nicht mehr akzeptabel, dass innerhalb Europas Erfüllungszeiten bei Wertpapiergeschäften bestehen, die um Tageslängen differieren. Die Investmentbanken haben selbst der mit großem Zeitvorsprung im Markt etablierten Terminbörse Liffe den Rücken gekehrt, als Eurex einen Technologievorsprung erringen konnte. Ein in den Systemen konsolidiertes und globalisiertes Clearing und Settlement ist zur Zeit die rentabelste Börseninnovation. Die hochgelobte London Stock Exchange steht in diesem wichtigen Feld gegenüber der Deutschen Börse mit ihren Clearstream-Anteilen mit ziemlich leeren Händen da.

Weltweite Standards sind gefragt

Auf Platz zwei der bedeutendsten Börseninnovationen folgt die Globalisierung der Systeme und Märkte. Neben dem Kosten- spielt hier der Zeitfaktor eine wichtige Rolle. Welchen Kooperationspartnern gelingt es zuerst, 24-Stunden-Handel, Systemkonformität und integriertes Clearing und Settlement weltweit zu installieren? Der Wettlauf mit der Zeit rechtfertigt den Börsengang, den einige Kritiker als überhastet ansehen. Die Deutsche Börse braucht schnell das durch die Kapitalerhöhung erzielte Geld sowie im Markt bewertete Aktien für sich laufend verändernde Fusionsszenarien.

Auch die Kritik an den Stock-Options-Plänen der Deutschen Börse ist mehr vom Neid geprägt. In der Investmentbranche werden Spitzengehälter bezahlt, wobei Boni, Tantiemen und Stock-Options als Motivation eingesetzt werden. Für hoch qualifizierte Mitarbeiter muss die Börse auch in Zukunft bei den Gehältern mithalten können. Die Börsenreife der Börse ist unbestritten. Dennoch wäre es wünschenswert, wenn mehr als 30 Prozent der Anteile in den Handel eingeführt würden. Die Großaktionäre der Börse können andererseits ihre Anteile in einem Jahr zu wahrscheinlich höheren Preisen steuerfrei am Markt platzieren.

Angesichts eines strategisch bedingten Börsengangs wäre es falsch, Emissionspreis und Terminierung der Emission auszureizen. Bei diesem Börsengang kann auf ein Underpricing nicht verzichtet werden. Der Markt wird schnell dafür sorgen, dass eine potenzielle Fusionswährung höher bewertet wird. Positiver Nebeneffekt eines erfolgreichen Börsengangs könnte sogar eine generelle Wiederbelebung des zurzeit stockenden Emissionsgeschäftes sein.

Die Aktie sollte ein Vorbild an Transparenz werden

Pikant ist die Frage, ob sich die Deutsche Börse selbst zum Handel zulassen kann und sich selbst beaufsichtigen darf. Müsste die Deutsche Börse ihre Emission nicht etwa nach Bremen verlegen? Dies wird man von ihr kaum erwarten können, umso mehr muss man aber verlangen, dass sie nicht mit den Börsenregeln und Anlegerschutzbestimmungen in Konflikt gerät. Sie muss ein Vorbild in Bezug auf Transparenz, Handhabung der Ad-hoc-Publizität und Zuteilungskriterien sein.
Bei der Wahl des Amtlichen Handels als Börsensegment hat die Börse im aktuellen Umfeld durchaus im Interesse ihrer künftigen Aktionäre entschieden. Trotz guter Zukunftschancen ist die Aktie der Deutschen Börse ein Risikopapier. Innerhalb der gewählten Book-Building-Spanne zwischen 285 und 335 Euro verdient sie aber das Vertrauen der Privatanleger.
Die Aktie der Deutschen Börse verdient das Vertrauen der Privatanleger.

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