"Vielleicht ein heilsamer Schock"
Erste Pleite am Neuen Markt schreckt Aktionäre auf

Mit dem Telekom-Unternehmen Gigabell AG ist am Neuen Markt die erste Pleite zu verzeichnen.

afp FRANKFURT/MAIN. Für viele Kleinaktionäre muss es ein Schock gewesen sein: Mit dem Frankfurter Telekom-Unternehmen Gigabell AG ist am Neuen Markt der Deutschen Börse jetzt tatsächlich die erste Pleite zu verzeichnen. Am Freitag beantragte die Firma wegen "drohender Zahlungsunfähigkeit" ein Insolvenzverfahren. Aktionärsschützer rechnen damit, dass Gigabell weitere Unternehmen folgen werden.

Von Panik ist unter den Experten dennoch wenig zu spüren, sie hoffen vielmehr auf einen längst fälligen Lernprozess bei einigen Anlegern. "Vielleicht ist es ein heilsamer Schock", sagt Reinhild Keitel von der Schutzgemeinschaft der Kleinaktionäre (SdK). Schon seit langem warnen Aktionärsschützer vor blindem Vertrauen in jede Neuemission und mahnen dazu, Börsenregeln wie breite Streuung und langen Atem zu beachten.

Hochriskante Papiere zeichnen den Neuen Markt aus

Viele besorgte Anrufe bekam die SdK nach dem Insolvenzantrag von Gigabell. Die schmerzhafte Erfahrung, dass die Börse erhebliche Risiken birgt, konnte aber auch dort niemand lindern. Einer habe ihr erzählt, dass er vor zehn Tagen sein ganzes Geld in Gigabell investiert habe, erzählt Keitel.

"Da kann ich nur sagen: Sie sind selbst Schuld", fügt sie unmissverständlich hinzu. Jedem müsse klar sein, dass am Neuen Markt "hochriskante Papiere" gehandelt würden. Die erste Pleite dort sei ein Signal, dass die Anleger klug verarbeiten sollten, mahnt die Aktionärsschützerin.

Auch das Deutsche Aktien-Institut (DAI) bemüht sich seit Jahren darum, den Aktionären einen vernünftigen Umgang mit Chancen und Risiken der Börse zu vermitteln. "Die Börse ist keine Einbahnstraße", gibt DAI-Volkswirt Franz-Josef Leven als Grundregel aus.

Aktienkauf auf Kredit ist nicht ratsam

Es sei daher zum Beispiel grundsätzlich falsch, Aktien auf Kredit zu kaufen. Wenn jemand zeichne, solle er zudem genau auf Gewinn und Prognosen schauen, statt blind alles zu nehmen, was "Bio" oder "Internet" heißt. Wichtig ist aus Sicht Levens eine breite Streuung der Aktien auf verschiedene Branchen. Der DAI-Experte mahnt zudem, Aktien nicht hektisch zu kaufen und zu verkaufen. Dabei sei nämlich auch zu beachten, dass die Banken dafür Transaktionskosten berechneten. Langfristig hätten diejenigen Anleger eine höhere Rendite, die ihre Aktien länger hielten.

Jürgen Kurz von der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz rät, eine Aktienanlage auf etwa fünf Jahre anzulegen. Für das Engagement am Neuen Markt reicht Geduld aber aus Expertensicht nicht aus. Die Unternehmen dort müsse sich der Anleger noch intensiver ansehen, als diejenigen im Deutchen Aktienindex (DAX), sagt Leven. Kurz ergänzt, dass besonders darauf geachtetet werden solle, ob die Prognosen des Vorstandes einträfen.

Kursrutsch kann auch etablierte Titel treffen: Beispiel T-Aktie

Doch auch bei den etablierten Titeln des DAX mussten die Aktionäre in den vergangenen Wochen so manchen Kursrutsch verkraften. Besonders die Besitzer von Telekom-Aktien wurden arg gebeutelt. Kurz ist allerdings davon überzeugt, dass sich der Kurs der T-Aktie wieder erholen wird. Er rate Anlegern daher, die Anteilsscheine zu halten.

"Bei der Telekom ist das Risiko, dass sie pleite geht, deutlich geringer als bei Gigabell", merkt er ironisch an. Trotz der Schwankungen der vergangenen Wochen stimme zudem der Trend im DAX.

Auch Leven bemüht sich, die Verhältnisse ein wenig zurecht zu rücken: Der DAX habe vier Jahre lang Riesenrenditen hingelegt und steuere in diesem Jahr auf eine Null-Rendite zu. "Das ist in Ordnung." Auch der Insolvenzantrag von Gigabell beunruhigt ihn nicht allzu sehr: Es werde nicht der Letzte sein. "Das ist normal in einer Marktwirtschaft.

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