Vielseitiges Kamera-System soll die Erkennung von Hautkrebs verlässlicher machen – und Autodiebe ausspähen
ZN Vision setzt auf künstliche Intelligenz

Mit einem Kamera-System, das Hautkrebs verlässlicher erkennen soll als jeder Arzt, will das Unternehmen ZN Vision Technologies in eine Marktlücke stoßen - denn fast zwei Drittel aller Diagnosen gelten als falsch.

BOCHUM. Schon bald werde die Mehrzahl der Fachärzte in Deutschland und den anderen ZN-Vertriebsländern mit dem System namens Microderm arbeiten. "Doch das wird erst der Anfang sein", glaubt Marcel Yon, Chef von ZN Vision Technologies. Das System sei so konzipiert, dass es auch für Allgemeinärzte interessant ist. Und mit wachsenden Produktionszahlen seien preiswerte Modelle zum Einsatz in Drogerien und Apotheken vorstellbar.

Microderm basiert auf einem Computersystem auf der Grundlage neuronaler Netze - selbstlernender Strukturen, die nach dem Vorbild des menschlichen Gehirns geschaffen sind. Das System vergleicht die von einer Hochleistungskamera aufgenommen Bilder des Patientenkörpers mit zehntausenden eingespeicherten Beispielen und kann so die Gefährlichkeit der Hautveränderung analysieren; jeder zusätzliche Fall macht die Diagnose exakter.

Bislang untersuchen Ärzte krebsverdächtige Muttermale nach der ABCD-Regel: Sie begutachten Auffälligkeine nach Asymmetrie, Begrenzungsform, Colour (Farbe) und Durchmesser. Ausgestattet mit seiner Erfahrung und Fachliteratur muss der Dermatologe oft unter Zeitdruck einschätzen, wie gefährlich ein Hautfleck ist. Dabei gehen Experten von bis zu 65 % Falschdiagnosen aus. Oft werden Male unnötigerweise entfernt, manchmal bleibt gefährlicher Krebs unerkannt.

Kamerasystem deckt Marktlücke ab

Das Bochumer Unternehmen ZN Vision Technologies hat hier eine Marktlücke erkannt und ein entsprechendes Kamerasystem entwickelt. Es soll Hautkrebs exakter identifizieren können als jeder Arzt. "Ein Prinzip, das sich natürlich auch für zahllose andere Anwendungen einsetzen lässt", sagt der ehemalige Investmentbanker Yon. Und so entwickelt ZN zurzeit eine ganze Reihe anderer Produkte rund ums künstliche Sehen. So kann ein intelligentes Kamera-Computersystem etwa am Fließband in der Qualitätskontrolle arbeiten und selbstständig eventuelle Fehler am Produkt erkennen. Und auch an einer Weiterentwicklung der Parkhaus-Überwachungskamera arbeitet das Team: Dabei erkennt das Programm, ob jemand einen Wagen aufschließt oder mit Gewalt aufbricht. "Es funktioniert ähnlich wie bei einem Neugeborenen", beschreibt Marcel Yon (33) die Basis-Technologie: Ein "leeres" System lernt Situationen erkennen, indem es die entscheidenden Eindrücke sammelt. In der Praxis heißt das: Bei der Qualitätskontrolle am Fließband zeigt ein Mitarbeiter dem Computer, welche Fehler auftreten können; später ersetzt das System seinen Lehrer mit großer Zuverlässigkeit.

"User Assisted Learning" nennt Professor Christoph von der Malsburg - weltweit angesehener Forscher auf dem Gebiet der künstlichen Intelligenz - das Prinzip: "Intelligente, lernende Systeme werden unsere Wirtschaft und unser Alltagsleben bald grundlegend verändern." Computer würden künftig mehr intelligente Partner sein als Automaten, denen man jeden Schritt im Detail erklären und jede Reaktion einprogrammieren müsse.

"Prinzip Lernen" statt Detailverliebtheit

Doch noch setze die Informatik viel zu verbissen auf die althergebrachten Strukturen, kritisiert der Wissenschaftler: "Schon heute könnte unendlich viel Arbeit eingespart werden, wenn das Prinzip Lernen statt der herrschenden Detailverliebtheit eingesetzt würde." Langfristig führe an künstlichen, intelligenten Systemen kein Weg vorbei. Er glaubt, dass derzeit ein ganz neuer Wissenschaftszweig entsteht, den man unter das Stichwort "Organic Computing" fassen könne: "Dabei wird die Informatik sich zum Ziel setzen, Prinzipien der Hirnfunktionen auf den Computer zu übertragen."

Eingeschränkt werden diese Anstrengungen laut Malsburg vor allem von zwei Faktoren: Erstens gebe es vor allem in Deutschland zu wenig Software-Entwickler, die sich an dieses Thema heranwagten. Zum anderen werde Organic Computing durch zu schwache Hardware-Speicherkapazitäten begrenzt. "Doch wir kommen mit der rasanten technischen Entwicklung auf dem Gebiet langsam in eine Phase, in der dieses Argument nicht mehr zählt", sagt der Wissenschaftler. Einfache Anwendungen seien schon jetzt problemlos zu bewältigen - auch wenn die Maschinen-Rechenleistungen im besten Fall 1 000-mal langsamer seien als das menschliche Hirn.

Die Vorteile der intelligenten Computersysteme in Sachen Wirtschaftlichkeit und Zuverlässigkeit predigt auch ZN-Chef Yon. Er glaubt an einen gewaltigen Markt, der erschlossen werden will. Sein Unternehmen wägt er vorn. Schließlich zeichne sich international kein ernst zu nehmender Wettbewerber ab: "Wir haben zwar Konkurrenz in unseren einzelnen Produktfeldern, aber keine in der Breite unseres technologischen Wissens." Wie schnell sich der Fortschritt beim Organic Computing tatsächlich entwickeln wird, weiß auch Yon nicht. Eine Grenze wird in absehbarer Zeit kaum überschritten: Einen künstlichen Menschen, mit dem man sich unterhalten kann, wird es so bald nicht geben. Professor von der Malsburg: "Der Mensch ist sicher kein Auslaufmodell."

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