Vielzahl der Aufgaben setzt die Grenzen
Infineon-Chef: „Ich hasse es, zu verlieren“

Infineon-Chef Ulrich Schumacher in einem Interview über Leidenschaft und Dünnhäutigkeit.
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Herr Schumacher, Sie galten immer als fröhlicher Rheinländer, der sich mit seiner flapsigen Art nicht nur Freunde macht. Inzwischen wirken Sie deutlich ruhiger. Ist Ihnen das Leben als Infineon-Chef auf's Gemüt geschlagen?

Ganz und gar nicht. Die Flapsigkeit versuche ich zu domestizieren, doch an meiner positiven Grundhaltung hat sich nichts geändert. Es ist schon komisch: Wir reden dauernd von Offenheit und Transparenz. Aber seien wir ehrlich: Mit echter Offenheit kann in Deutschland kaum einer umgehen - und da schließe ich mich selber gar nicht aus.

Sie haben nicht nur ausgeteilt, sondern sind auch ganz schön angegriffen worden. Können Sie Kritik gut wegstecken?

Sachliche ja, hoffe ich zumindest. Wobei man immer schon streiten kann, was sachlich ist. Wenn mich jemand attackiert, weil der Börsenkurs nachgibt, ist das sein gutes Recht. Was dennoch unter die Haut geht, ist die Polemik. Die Angriffe auf der Hauptversammlung zum Beispiel, wo zwischen meinem persönlichen Hobby Motorsport und der Art, wie ich Infineon führe, eine Verbindung hergestellt und mir vorgeworfen wird, ich würde das Unternehmen aus der Kurve tragen. Wenn man sich Tag und Nacht dafür einsetzt, sein Unternehmen in einer weltweiten Branchenkrise auf Kurs zu halten, tut das schon weh.

Wen gibt es noch in Ihrer persönlichen Umgebung, der sich traut, Sie zu kritisieren?

Meine Frau zum Beispiel, die regt gelegentlich Diskussionen an, die sehr heilsam sind. Ich selber falle manchmal den Denkweisen des Systems anheim, in dem ich mich bewege. Sie sorgt dann für den externen Blick und das gibt Bodenhaftung. Dann natürlich mein Vorstandsteam, das ich jetzt seit über zehn Jahren kenne, dem ich vertraue und mit dem ich völlig offen diskutieren kann. Aber natürlich lässt Macht - oder sagen wir: die von außen vermutete Macht - einen ein Stück weit vereinsamen. Manche Menschen trauen sich nicht mehr, einem die Meinung zu sagen - diese gestiegene Vorsicht nehme ich sehr wohl wahr.

Sie waren lange Zeit vom Erfolg verwöhnt, galten als der Sonnyboy der Branche. Ein bisschen dünnhäutiger sind Sie schon geworden?

Ja klar. Aber ohne Leidenschaft kann man keinen vernünftigen Job machen. Leidenschaft bedeutet Empfindsamkeit und Offenheit - und die bringen zwangsläufig eine gewisse Dünnhäutigkeit mit sich. Die Verletzlichkeit ist die Kehrseite der Medaille. Als Eisblock kann man ein Unternehmen nun mal nicht erfolgreich führen.

Was muss man neben robuster Konstitution und einer gewissen Dickfelligkeit noch mitbringen, um das Leben als Topmanager auszuhalten?

Optimismus und die Bereitschaft zum kalkulierten Risiko. Ich habe noch nie ein Unternehmen entstehen und erfolgreich werden sehen, nur weil jemand intensiv Geschäftspläne geschrieben hat. Vision und Gestaltungswille sind ausschlaggebende Faktoren. Aber wir leben leider in einem Umfeld, in dem die Warner besser angesehen sind als die Wager. Wer hier in einer Diskussion sagt: "Da müssen wir aber aufpassen, das kann auch schief gehen", sagen alle: "Klug und verantwortungsvoll ". Wenn dagegen einer sagt: "das machen wir, das kriegen wir schon hin", heißt es: "So ein Leichtsinn!" Apple, Microsoft oder Intel sind nicht entstanden, weil die Gründer in der Garage saßen und Bedenken trugen.

Es heißt von Ihnen "Der Mann kann nicht mal spazieren gehen, ohne es um die Wette zu tun." Fühlen Sie sich damit gut beschrieben?

Ich hasse es, zu verlieren, wo auch immer - beim Tennis- oder Skatspielen, beim Rennfahren genauso wie im Beruf. Ich ziehe aber aus meinen Niederlagen viel Energie. Ich analysiere die Situation und versuche besser zu werden. Es fliegt einem eben nicht alles zu, einen von vorneherein ausgerollten, roten Teppich gibt es nicht. Sie können davon ausgehen, dass die erarbeiteten Siege, bei denen man seine Schwächen erkennt und überwindet, die wertvollsten sind.

Warum ist ausgerechnet Motorsport Ihr Hobby?

Wer vom Naturell her in einer so schnellen und innovationsgetriebenen Branche wie der Halbleiterbranche glücklich ist, wird privat nicht Schmetterlinge oder Briefmarken sammeln. Mich fasziniert Technik und Tempo - privat wie beruflich. Rennsport ist leider ein wenig verkannt: Man hält die Fahrer für Draufgänger und unterschätzt, wie viel Analytik dazugehört und wie viel Disziplin. Keiner wird schneller, nur weil er möglichst oft im Kreis fährt - dabei wiederholt man nur dieselben Fehler immer wieder. Man muss sich zurücknehmen und analysieren - das macht einen besser.

Macht Ihnen die Geschwindigkeit in Ihrem Geschäft nicht manchmal Versagensangst?

Eigentlich habe ich keine Angst, eine Aufgabe nicht bewältigen zu können. Wenn man sich mit einem Thema wirklich intensiv auseinandersetzt, findet man auch immer einen Weg. Aber angesichts der Menge und Komplexität der Themen habe ich manchmal die Sorge, wie ich die Kraft aufbringe, mich all dem gleichzeitig zu stellen. Es ist also mehr diese Vielzahl der Aufgaben als die Aufgabe an sich, die einem Grenzen setzt.

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