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Vier Monate auf Bewährung für Kanzler-Ohrfeige

Das Mannheimer Amtsgericht hat den arbeitslosen Lehrer Jens Ammoser wegen seiner Ohrfeige für Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD) zu vier Monaten auf Bewährung verurteilt.

dpa MANNHEIM. Das Mannheimer Amtsgericht hat den arbeitslosen Lehrer Jens Ammoser wegen seiner Ohrfeige für Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD) zu vier Monaten auf Bewährung verurteilt.

Es befand den 52-Jährigen der vorsätzlichen Körperverletzung und Beleidigung für schuldig und erlegte ihm außerdem 100 Stunden gemeinnützige Arbeit auf. Schröder sagte der "Leipziger Volkszeitung" (Samstag) dazu, er "habe die Entscheidung von Gerichten zu respektieren und das tue ich in vollem Umfang". Er glaube aber, "diejenigen, die da meinen, mit Politikern könnte man alles machen, sind auf einem ganz gefährlichen Weg".

Ammoser, der ohne Verteidiger zu dem Prozess erschienen war, nahm das Urteil emotionslos zur Kenntnis. Er hatte den Regierungschef am 18. Mai am Rande einer SPD-Veranstaltung in Mannheim attackiert.

Der Vorsitzende Richter Wolfgang Winkler sagte zur Urteilsbegründung: "Der Bundeskanzler sollte durch die Ohrfeige verächtlich gemacht werden." Die Tat sei hinterhältig und geplant gewesen. "Es kann nicht angehen, politische Unzufriedenheit durch tätliche Angriffe auszuleben." Eine "normale" Ohrfeige wäre mit einer Geldstrafe bestraft worden, Ammoser habe aber einen der höchsten Repräsentanten Deutschlands attackiert.

Der 52-Jährige hatte die Tat im Prozess eingeräumt und sie mit dem Frust über seine jahrelange Arbeitslosigkeit und die Politik der Bundesregierung begründet. "Ich bin ohne Arbeit, ohne Einkommen und ohne Lebensinhalt." In seinem Plädoyer berief er sich auf sein Widerstandsrecht in Artikel 20 des Grundgesetzes. Er habe sich bei seiner Tat als Vertreter für die Arbeitslosen in Deutschland verstanden.

Staatsanwalt Heiko Klein hatte eine sechsmonatige Bewährungsstrafe und 150 Stunden gemeinnütziger Arbeit für den ehemaligen Lehrer gefordert. Ammoser sei "rücksichtslos, gefühllos und niederträchtig" vorgegangen. "Das war ein Akt der Selbstdarstellung." Es gehe darum, Nachahmer abzuschrecken. Ein Personenschützer des Bundeskanzlers hatte als Zeuge im Prozess den Zwischenfall in Mannheim bestätigt.

Der ursprünglicher Verteidiger des Arbeitslosengeld-Empfängers hatte wenige Tage vor dem Prozessauftakt überraschend das Mandat niedergelegt. Gründe wurden nicht bekannt. Der Freiburger Rechtsanwalt hatte den nicht vorbestraften Ammoser zuvor für voll schuldfähig gehalten.

Der Angeklagte war mit einem T-Shirt mit Willy-Brandt-Aufdruck auf der Vorder- und seiner Kontonummer auf der Rückseite erschienen. Auf seinem Tisch platzierte er ein rotes Plüschtier und ein Grundgesetz aus der Bücherei.

Ammoser war der SPD erst im Februar beigetreten und als Kandidat für die Kreistagswahl aufgestellt worden, allerdings auf einem nicht aussichtsreichen Listenplatz. Nach der Tat wurde er aus der Partei ausgeschlossen. Trotzdem erreichte er bei der Wahl in seiner Heimatgemeinde Bollschweil im Kreis Breisgau-Hochschwarzwald das mit Abstand beste Ergebnis der SPD.

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