Vier Monate im Dschungel
Werner Wallert mit vier Geiseln auf Jolo freigelassen.

Nach mehr als viermonatiger Geiselhaft haben die Moslem-Rebellen auf den Philippinen am Sonntag den Göttinger Werner Wallert und vier weibliche Geiseln auf der Insel Jolo freigelassen.

Reuters JOLO. Wallert sagte danach, man könne nicht erwarten, dass er glücklich sei, weil sein Sohn Marc noch in der Hand der Abu Sayyaf sei. Die übrigen Geiseln sollen nach Angaben von Vermittlern Ende kommender Woche auf freien Fuß gesetzt werden. Wallert und die vier Frauen wurden von Jolo zunächst nach Zamboanga geflogen. Den bisherigen Planungen zufolge sollten sie später weiter nach Libyen fliegen, das sich in den vergangenen Wochen um ihre Freilassung bemüht hatte.

Neben dem 57-jährigen Göttinger Lehrer Werner Wallert kamen die Französinnen Sonia Wendling, Marie Moarbes und Maryse Burgot sowie um die Südafrikanerin Monique Strydom frei. "Es ist wundervoll", sagte Wendling unter Tränen. Moarbes sagte mit ruhiger Stimme und gesenktem Kopf: "Wir sind erleichtert, aber nicht glücklich, weil Menschen zurückgeblieben sind."

Bis auf Burgot gehörten die nun Freigelassenen zu der Gruppe von 21 Touristen und Hotelangestellten, die die Abu Sayyaf am 23. April von der malaysische Insel Sipadan nach Jolo verschleppt hatte. Von diesen Geiseln waren in den vergangenen Wochen elf freigekommen, darunter die Ehefrau Werner Wallerts und Mutter von Marc, Renate Wallert. Die Fernsehjournalistin Burgot wurde im Juli von den Rebellen verschleppt, als sie mit zwei Kollegen zu dem Schicksal der Geiseln recherchierte.

Nach den Worten eines Vermittlers verabschiedete sich Werner Wallert unter Tränen von seinem Sohn. In der Hand der Rebellen auf Jolo befinden sich nun noch neben Marc Wallert Strydoms Ehemann Carel, Wendlings Freund, Stephane Loisy, zwei Finnen, die beiden Kollegen Burgots sowie eine philippinische Geisel. Zudem halten sich bei den Rebellen noch ein Dutzend philippinische Prediger auf. Es ist jedoch unklar, ob sie gegen ihren Willen festgehalten werden.

Der philippinische Chefunterhändler Robert Aventajado sagte, man sei glücklich für die Familien der Geiseln, die Länder, aus denen sie kommen und auch für die Philippinen selbst. Es sei aber noch viel zu tun. "Wir werden nicht aufhören, bis wir erfolgreich die Freilassung aller erreicht haben", kündigte Aventajado an.

Die freigelassenen Geiseln wurden mit einem Hubschrauber nach Zamboanga auf der Insel Mindanao geflogen. Aufnahmen von Reuters TV zeigten, wie die erschöpft aber glücklich wirkenden Geiseln in der Dämmerung auf dem Rollfeld von zahlreichen Fotografen und Kameraleuten umringt wurden. Wendling hatte einen Blumenstrauß in der Hand, als sie sich in Begleitung Aventajados und des libyschen Unterhändlers Radschab Asssaruk durch die Menge bewegte. Immer wieder kam es zu Umarmungenszenen.

Schröder und Fischer erleichtert

Bundeskanzler Gerhard Schröder erklärte, er habe mit großer Freude von der Freilassung der Geiseln erfahren. Nun gelte seine Sorge den immer noch festgehaltenen Geiseln. Er hoffe, dass die Unterhändler ihre Arbeit erfolgreich fortsetzen würden.

Bundesaußenminister Joschka Fischer teilte ebenfalls seine Erleichterung über Werner Wallert Freilassung mit. Die Bundesregierung werde "mit größter Entschlossenheit weiterhin alles tun", um die umgehende Freilassung der übrigen acht Geiseln zu erreichen. Fischer dankte den Vermittlern und Libyen für ihre Bemühungen und rief sie dazu auf, diese fortzusetzen.

Im Wohnviertel der Wallerts in Göttingen sagte der Diakon der Stephanus-Gemeinde, Klaus Bendig, die Nachricht habe Freude ausgelöst. "Aber dass der Sohn Marc noch festgehalten wird, das ist eine Belastung. Deshalb werden wir auch weiter jeden Tag unsere Fürbitt-Gottesdienste machen."

Nach den bisherigen Planungen sollen die Freigelassenen nach dem Empfang in Zamboanga durch Angehörige und Botschafter ihrer Länder mit einem Flugzeug nach Tripolis geflogen werden. Eine Sprecherin des Auswärtigen Amtes sagte dagegen, aus deutscher Sicht "steht noch nicht fest", ob Wallert und die anderen Geiseln über Tripolis zurückfliegen würden. In Berlin sollte der Krisenstab im Auswärtigen Amt zusammenkommen, um über die neue Entwicklung zu beraten.

Eine Million Dollar Lösegeld pro Geisel

In der vergangenen Woche war aus Verhandlungskreisen verlautet, dass Libyen bereit sei, für die zwölf ausländischen Geiseln zwölf Mill. $ Lösegeld zu zahlen. Libyen hat erklärt, es zahle kein Lösegeld, sei aber zur Finanzierung von Hilfsprojekten in moslemischen Regionen der Philippinen bereit. Die Abu Sayyaf kämpft für einen unabhängigen Moslemstaat im Süden des überwiegend katholischen Landes.

Libyen erhofft sich nach Einschätzung westlicher Diplomaten von einem Ermittlungserfolg einen weiteren Schritt aus der internationalen Isolation. Dem nordafrikanischen Land unter der Führung von Revolutionsführer Muammar el Gaddafi war in der Vergangenheit immer wieder eine Verstrickung in den internationalen Terrorismus vorgeworfen worden.

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