Vier Volksgruppen treffen sich in Deutschland, um über die Zukunft ihres Landes zu beraten
Petersberger Wortgefechte um die Macht in Kabul

Auf dem hermetisch abgeriegelten Petersberg bei Bonn, Schauplatz und Namensgeber bedeutender Konferenzen, finden in dieser Woche die ersten Sondierungen über die politische Zukunft Afghanistans statt. Dazu eingeladen wurden von dem Sonderbeauftragten der Vereinten Nationen für Afghanistan, dem Algerier Lakhdar Brahimi, Vertreter von vier afghanischen Gruppen. Sie sollen einen repräsentativen Querschnitt der Gesellschaft abbilden. . Ihre Aufgabe ist, einen Schlussstrich unter 22 Jahre Bürgerkrieg zu ziehen.

BONN. Neben der Nordallianz werden auf dem Petersberg drei lose Koalitionen vertreten sein: die so genannte Peschawar- Gruppe, die Repräsentanten der in Pakistan lebenden Paschtunen, der stärksten afghanischen Volksgruppe, die Zypern-Gruppe um die im Exil lebenden schiitischen Hazara und die Rom-Gruppe, ebenfalls Paschtunen, zu denen die Abgesandten des afghanischen Exil-Königs Zahir Schah zählen. Die Taliban sind in Bonn nicht erwünscht. Angereist sind jedoch Vertreter der USA, Großbritanniens, Pakistans und Russlands.

Von der Vorstellung, dass ihre politische Zukunft von ausländischen Interessen beeinflusst werden könnte, sind die Afghanen nicht gerade erbaut, zumal sie sich untereinander allesamt nicht grün sind. Die Verantwortung für einen tragfähigen Kompromiss zur Bildung einer Übergangsregierung liege in erster Linie in den Händen der afghanischen Gruppen selbst, betont daher die Bundesregierung. Deutschland hat für das Treffen mehrfach die Rolle des Vermittlers zurückgewiesen. Die internationale Gemeinschaft wolle sich auf Begleitung und Unterstützung des Wiederaufbaus konzentrieren, betont Berlin.

Für den Wiederaufbau Afghanistans bot die Bundesregierung aber schon vor dem Auftakt der Petersberg-Konferenz 160 Millionen DM. Vielleicht stimmt das die zerstrittenen Volksgruppen etwas versöhnlicher. Ziel der Konferenz ist es, das Staatsgefüge Afghanistans zu festigen. Dazu sollen sich die Fraktionen auf einen Exekutivrat einigen, dessen Aufgabe es sein soll, im Rahmen des von der Uno vorgelegten Fünf-Punkte-Plans eine Interimsregierung zu bilden und eine Verfassung für Afghanistan auszuarbeiten. Die Verfassung müsste anschließend von einem landesweiten afghanischen Ältestenrat abgesegnet werden. Die Uno plädiert für eine Regierung, die sich auf möglichst viele Volksgruppen stützen kann.

Entscheidend für den Verlauf der Konferenz dürfte das Verhalten der Nordallianz sein. Nach der Einnahme von Kundus reist sie gestärkt nach Bonn. Zwar hat sie mehrfach ihre Bereitschaft unterstrichen, auch andere Volksgruppen an einer künftigen Regierung beteiligen zu wollen. Nicht auszuschließen ist jedoch, dass die Nordallianz die Konferenz verschleppen könnte, um ihre Macht in Kabul zu zementieren. Geleitet werden ihre elf Vertreter vom amtierenden afghanischen Innenminister Junis Kanooni. Anwesend ist auch Außenminister Abdullah Abdullah.

Die Nordallianz ist kein homogenes Gebilde. Hinter dem Etikett verbergen sich mehrere Volksgruppen und Kriegsherren, die untereinander heillos zerstritten sind. Mit dem Sturz der Taliban geht ihnen das einzige verbindende Element verloren: der gemeinsame Feind. Mächtigste Gruppe innerhalb der Nordallianz ist die tadschikische Gefolgschaft des legendären Kommandeurs Achmed Schah Massud, der im September ermordet wurde. Hinter seinem Nachfolger Abdul Kassim Fahim sammeln sich vor allem die Tadschiken aus dem Pandschirtal. Berühmt-berüchtigt ist der Führer der usbekischen Minderheit, General Raschid Dostum. Eine weitere schillernde Figur ist der "Löwe von Herat", der Tadschike und ehemalige Gouverneur der westlichen Provinz, Ismail Khan. Sie sind allerdings ebenso wenig nach Bonn gereist wie der Präsident Afghanistans, Burhanuddin Rabbani. Er hält nicht viel von der Konferenz und besteht darauf, dass Entscheidungen über die Zukunft des Landes in Afghanistan gefällt werden.

Für die Uno ist die Konferenz ein wichtiger Test. Sie hat mit dem Brahimi-Plan eine Vorlage geliefert, die sich nun an der Realität messen lassen muss. Wer die auseinander driftenden Interessen der afghanischen Volksgruppen kennt, weiß, dass der Uno-Beauftragte vor einer schwer lösbaren Aufgabe steht - zumal, wenn es um die militärische Absicherung des Friedens geht. Denn die Akteure in Afghanistan, vor allem die Nordallianz, lehnen die Präsenz ausländischer Soldaten zur Minderung der Spannungen strikt ab. Brahimi hatte bereits 1999, entnervt von den afghanischen Grabenkämpfen, seinen Job an den Nagel gehängt. <7P>

Als Vermittler kann er nur so stark sein, wie die Mitglieder der Vereinten Nationen es zulassen. Die Liste der Beobachter deutet darauf hin, dass die Afghanen längst nicht so unbeeinflusst von der Außenwelt debattieren können, wie die Sicherheitsvorkehrungen dies suggerieren. Gewinnen die um Frieden und Führung Afghanistans ringenden Fraktionen den Eindruck, sie müssten sich, angelockt vom Köder der Hilfszusagen, ausländischen Einflüssen öffnen, so dürften sie auf dem Petersberg ihre Reihen ganz schnell schließen. Das wäre aber kein Erfolg für die Konferenz. Das Ringen um die Macht in Kabul würde dann in Afghanistan fortgesetzt - eher militärisch als politisch.

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