Virtuelle HV auf dem Vormarsch
Jedes Jahr die große Show

Hauptversammlungen, theoretisch die wichtigsten Ereignisse für Aktiengesellschaften, können stinklangweilig sein. Aus Sicht der Unternehmen handelt es sich bei diesen Aktionärstreffen um gigantische PR-Veranstaltungen.

Schon Wochen vorher brüten Konzernstäbe die Reden aus und versuchen, auf alle möglichen Fragen schon Antworten vorzuformulieren. Nichts dem Zufall überlassen, lautet die Devise, unangenehme Gesprächssituationen gar nicht erst aufkommen lassen. Wenn die große Show startet, sitzen die Mitarbeiter der Stabsabteilungen dann sprungbereit, um den Vorständen Informationen im Bedarfsfall rasch einzuflüstern. Nach dem endlosen Referat des Vorstandsvorsitzenden kommen häufig Aktionärsvertreter mit mäßig kritischen Anmerkungen zu Wort, und gegen Ende stellen einzelne Aktionäre Fragen oder breiten ihre persönlichen Ansichten aus - oft in epischer Breite.

Wozu also hinfahren zur HV? Um die Reise hinterher als Werbungskosten von der Steuer abzusetzen? Um sich auf Kosten der Gesellschaft am Büffet den Bauch vollzuschlagen? Natürlich können Anleger auch ihre Rechte im Rahmen der Aktionärsdemokratie wahrnehmen - dabei ist nicht die Kopfzahl, sondern die Aktienzahl in den Abstimmungen ausschlaggebend. Aber einfacher ist doch der Weg, per Order abzustimmen und die Aktie zu kaufen oder zu verkaufen - je nachdem, wie überzeugend die Strategie des Unternehmens ist.

Hin und wieder sind HV aber auch spannend. Zum einen versuchen die großen Fondsgesellschaften immer wieder, bei einzelnen Gesellschaften gezielt Einfluss zu nehmen. Die Union Investment zum Beispiel stimmt regelmäßig gegen Kapitalerhöhungen, wenn das Unternehmen mit dem bereits zur Verfügung stehenden Kapital keine ausreichende Rendite erzielt, wie Union-Sprecher Rolf Drees erläutert. "Manchmal fahren wir aber auch hin, um zu loben", setzt er hinzu und nennt als Beispiel für dieses Jahr Karstadt-Quelle. Das Unternehmen hat nach einem - von der Union in den Vorjahren geforderten - Managementwechsel seine Strategie auf Vordermann gebracht und eine gute Kursentwicklung gezeigt.

Die Kursentwicklung ist für die Investmentgesellschaft der entscheidende Maßstab. Auch den Einwand, man müsse die Unterschiede der Branchen berücksichtigen, lässt Drees nur bedingt gelten. "Wenn alle Telekomunternehmen zu viel Geld für Mobilfunklizenzen bezahlt haben, dann ist das keine Entschuldigung für die Deutsche Telekom", meint er.

Hin und wieder werden HV auch spannend, wenn Gruppen von Aktionären die Veranstaltung gezielt aufmischen und Beschlüsse mit anschließenden Anfechtungsklagen blockieren. Damit können wichtige Entscheidungen, etwa eine Fusion, auf Eis gelegt werden. Aktionäre sollten allerdings wissen: Nicht immer steht bei derartigen Gruppen das Wohl der Gesellschaft im Vordergrund. Manche lassen sich ihre "Lästigkeit" auch von dem Unternehmen mit hohen Geldsummen insgeheim abkaufen - kein sauberes Verfahren.

Häufig genug gibt es aber auch berechtigte Einwände gegen Beschlüsse der Hauptversammlung. Wer juristisch gegen so einen Beschluss vorgehen will, muss in der Versammlung Widerspruch zu Protokoll geben und binnen eines Monats eine Anfechtungsklage einreichen, erläutert Rechtsanwalt Karsten Heider von der Kanzlei CMS Hasche Sigle in Stuttgart.

Wer die Reise scheut, aber dennoch teilnehmen möchte, kann dies bei einigen Unternehmen auch im Internet tun - etwa bei der Deutschen Telekom, Daimler-Chrysler und der Allianz. Häufig müssen die Stimmen dabei aber schon vor Beginn der eigentlichen HV abgegeben werden. Besonders innovativ ist die Celanese AG: Sie führte als erstes deutsches Unternehmen im vergangenen Jahr ein Verfahren ein, mit dem die Aktionäre die gesamte HV live im Internet verfolgen und bis zum Schluss - auch über Mittelsmänner vor Ort - abstimmen konnten. Mit überraschendem Erfolg, wie Rita Pikó, die bei Celanese dieses Projekt betreut, berichtet: Rund 500 Aktionäre nahmen im Web teil, fast so viele, wie tatsächlich angereist waren. Die Deutsche Telekom will dieses Verfahren in diesem Jahr einführen, die Allianz denkt darüber nach.

Nicht zu übersehen aber: Wer sich längerfristig bei einem Unternehmen engagiert, für den ist der persönliche Eindruck, den der Vorstand macht, schon interessant. Denn Persönlichkeiten bestimmen auch den geschäftlichen Erfolg - heute mehr denn je.

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