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Virtuelle Realitäten

Auch nach dem Scheitern von Firmen und Projekten feiern sich die einstigen Helden der New Economy weiter auf ihren Websites - für das Aktualisieren oder Nachtragen der schlechten Nachrichten bleibt in der Eile von Konkursen und Abwicklungen häufig keine Zeit.

Für die gegenwärtige Katerstimmung in der New Economy gibt es vielfältige Ursachen: überzogene Businesspläne, mangelne Management-Kompetenz oder ganz einfach das Scheitern an technischen oder organisatorischen Hürden. Ein Grundproblem von Informationen und Transaktionen im Netz bleibt aber das mangelnde Vertrauen der Nutzer - stimmt das, was auf den bunten Webseiten steht? Kommt das bestellte Produkt auch an, wenn ich es bezahlt habe? Was passiert mit meiner Kreditkarten-Nummer, wenn ich sie in ein Internet-Formular eingebe?

Ausgerechnet die einstigen Propagandisten einer neuen Informationskultur tragen in Krisenzeiten selbst dazu bei, daß in der Wahrnehmung der Nutzer die im Web angebotenen Informationen auf dem schlichten Niveau der ebenso veralteten Hochglanzprospekte bleiben. Nicht einmal nach dem offiziellen Konkursantrag findet sich eine Notiz auf der Website, daß statt der vollmundigen Expansions-Versprechen erst einmal eine harte Sanierung folgt, deren Verlauf und Ausgang ungewiss ist

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Beispiel 4content: der Hamburger Content-Broker hat ebenso wie der Münchner Wettbewerber Tanto AG den Gang zum Konkursrichter bereits hinter sich. Von einer entsprechenden Notiz auf den Webseiten jedoch keine Spur.

Beispiel Peter Kabel: Der Honorarprofessor der Hamburger Fachhochschule für Gestaltung gehört zu den ehemaligen Popstars der Branche. Immerhin findet sich eine Notiz über den Konkursantrag seiner Internet-Agentur Kabel New Media auf der Homepage . Darüber prangt aber augenfällig noch der Button "Jobs", wo trotz Entlassungen noch mehr als 20 aktuelle Angebote geführt werden.

Beispiel berlincubate.de: Der Firmenbrutkasten in der ostalgieträchtigen Berliner Karl-Marx-Allee war erst im November 2000 mit der Idee gestartet, fünf Gründer im "Big-Brother-Stil" durch die ersten Monate ihres Unternehmerdaseins zu begleiten. Jetzt ist das Team zerstritten, die AG wird abgewickelt. Trotzdem versprechen die Slogans auf der Startseite noch vom "Dreamteam", das "viel wagen und alles gewinnen" kann. Von dem Scheitern des Projekts keine Zeile, lediglich die nicht mehr funktionierende Live-Cam gibt einen ersten Hinweis.

Von den eigentlichen Stärken oder gar einer neuen Informationskultur durch das Internet - hohe Aktualität, verstärkte Transparenz, offene Kommunikation in alle Richtungen - bleibt so nichts übrig, nur ein zusätzlicher Vertrauensschaden ergänzend zu dem, der durch enttäuschte Investoren und unerfüllbare Verträge ohnehin zurückbleibt. Zeit für eine neue Unternehmergeneration im Web, zu deren Stil auch eine klare Kommunikation in Krisenzeiten gehören sollte.

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