Virtuelle Verwaltungen: Deutschland im E-Government nur Mittelmaß

Virtuelle Verwaltungen
Deutschland im E-Government nur Mittelmaß

Die Internet-Auftritte deutscher Städte, Länder und Ministerien nehmen im internationalen Vergleich nur eine Mittelposition ein. Virtuelle öffentliche Verwaltungen (E-Government) werden nach einer Studie der Unternehmensberatung Accenture in Deutschland nur schleppend aufgebaut. Zudem werde das Potenzial des Internets bei weitem noch nicht ausgeschöpft. Vergleichbare Studien anderer Unternehmensberatungen hatten den Online-Präsenzen deutscher Städte und Gemeinden in der Vergangenheit wiederholt schlechte Noten ausgestellt.

DÜSSELDORF. Die Europäische Union erhob in Lissabon die Informationstechnologien und das Medium Internet zum europäischen Zukunftsthema. Die 15 Mitgliedsstaaten setzten sich ehrgeizige Ziele: Sie propagierten die Schaffung von 20 Millionen IT- und Internet Arbeitsplätzen bis 2010 und wollten selber mit gutem Beispiel voran gehen. Staatliche Administrationen sollten dem allgemeinen Zugriff über das Internet geöffnet werden - "Digitale Demokratie" wurde zum vollmundigen Schlagwort.

Nach dem EU-Gipfel wurden die jeweiligen Online-Auftritte unter den Mitgliedsstaaten zur Prestigefrage. So löste eine Studie der renommierten Unternehmensberatung Arthur D. Little (ADL) harte Kritik aus, als die staatlichen Homepages überwiegend vernichtend beurteilt wurden. Die Ministerien-Sites hätten lange Ladezeiten, umständliche Navigation, Links, die ins Leere führten, wenige fremdsprachige Angebote, kaum E-Mail-Adressen konkreter Ansprechpartner, bilanzierte die Studie. "Die hauen einem die Sachen nur so um die Nase, ohne mit uns darüber gesprochen zu haben und hoffen dann auf ein gutes Geschäft", ärgerte sich beispielweise Michael Jürgens vom Bundespresseamt über Arthur D. Little.

Deutschland im "E-Service" für seine Bürger weiter nur Hoffnungsträger

Rund ein Jahr später bezeichnet Accenture das deutsche E-Government zwar als "Hoffnungsträger". Doch im internationalen Vergleich nehme Deutschland auf der Rangliste von 22 Ländern weiterhin nur einen Mittelfeldplatz ein. Was die wenigen Städte-Homepages, wie Bremen, Hamburg, Essen, Dortmund in Deutschland mit ausgereiften öffentlichen Online-Dienstleistungen vormachen, ist laut der Studie auf Bundesebene noch Mangelware. Der Schwerpunkt der Online-Tätigkeit der Bundeministerien liege auf der Publikation von Informationen, nicht aber auf Dienstleistungen.

International nehmen die Staaten Kanada, Singapur und USA nach der Accenture-Studie eine Spitzenposition im E-Government ein. Die Online-Präsenzen seien hier besonders gut auf die Bedürfnisse der Bürger ausgerichtet. Ein wesentliches Element sei dabei der Fokus auf Kundenservice. Die Untersuchung stellt Dienstleistung in den Mittelpunkt ihrer Bewertungskriterien. Beurteilt wurde die Service-Reife im E-Government unterteilt in vier Gruppen (Spitzenreiter, Aufsteiger, Hoffnungsträger, Nachzügler).

Europäische Nachbarn bilden Mittelfeld

Der "Hoffnungsträger"-Deutschland betreibt nach der Accenture-Studie die Qualifizierung seines E-Governments in enger Nachbarschaft mit anderen europäischen Staaten. In dieser Gruppe werden neben Deutschland auch Belgien, Portugal, Irland, Spanien und Frankreich solide Fortschritte bescheinigt. Es fehlten jedoch ambitionierte Umsetzungspläne und ein ausgereifter Online-Service.

Den "Aufsteigern", die dicht auf die Spitzengruppe folgten, fehle noch die Reife ihrer Onlineauftritte, aber die Länder Norwegen, Australien, Finnland, England und Niederlande hätten bereits Zukunftsvisionen für ihr E-Government formuliert. Bei der Umsetzung ihrer Ideen agierten sie im Vergleich zur Spitzengruppe jedoch langsamer.

Die "Nachzüglern" Japan, Brasilien, Malaysia, Südafrika, Italien und Mexiko hätten erst kürzlich mit der Einführung des E-Government begonnen, so die Studie.

Finanzielle, juristische und strukturelle Hürden

Weltweit setzen die immer kürzer werdenden Technologiezyklen die Regierungen in Zugzwang gegenüber der Wirtschaft und den Bürgern. So tritt am 1. Mai in Deutschland ein Gesetzt zur Regelung der elektronischen Unterschrift in Kraft - ein wichtiges Element im E-Government der Zukunft. Auf EU-Ebene wurde im März ein Aktionsplan für "E-Europe und E-Government" diskutiert. Die schleppende Umsetzung der Beschlüsse von Lissabon drängen die Europäer zum handeln.

Dreh und Angelpunkt eines breiten E-Government in Deutschland mit einem ausgereiften Service-Angebot bis hinunter auf die kommunale Ebene, sind nach übereinstimmender Beurteilung der Unternehmensberatungen Mummert und Partner , Pricewaterhouse-Coopers und Accenture, finanzielle, juristische und strukturelle Hürden.

Ebenso wie auf Bundesebene führt das Fehlen von zentralen Steuerinstanzen oft auch auf Länder- und Kommen-Ebene zu einem weniger ausgereiften Online-Angebot öffenlicher Dienstleistungen. So stellt die Unternehmenberatung Mummert und Partner fest, dass deutsche Behörden noch nicht in der Lage seien, ihre Dienste umfassend im Internet anzubieten. Es fehlten Finanzierungskonzepte und Einführungsstrategien. Ein Know-how-Austausch der Kommunen untereinander finde nicht statt.

Mehr als zwei Drittel der Oberbürgermeister der grössten deutschen Städte hätten im Rahmen einer Analyse angeben, dass Modernisierung und stärkere Kundenorientierung ihr Hauptziel in den nächsten Jahren sei, so Mummert weiter. Es fehlten jedoch präzise Konzepte. Nur 47 % der 100 größten Städte Deutschlands hätten ein schriftliches Konzept für elektronischen Bürgerservice.

Digitale Signatur wichtiges Element im E-Government

Die Rechtsgültigkeit der elektronischen Unterschrift ab dem 1. Mai 2001 bedeutet einen großen Schritt hin zum nutzwertigen E-Government. Die online geleistete digitale Signatur sorgt für eine neue Qualität der Bürgernähe bei deutschen Verwaltungen. Behördengänge können so in Zukunft vermehrt auch in heimischen Wohnzimmern auf dem Weg zum Computer stattfinden. Doch finanzielle Hürden und das Fehlen kompletter Softwarelösungen hemmen die Verbreitung und Verbesserung des E-Government, so Mummert und Partner.

Nach Einschätzung der Unternehmensberatung zahlen die Gemeinden ihren angestellten Programmierern zu wenig und verlieren den Wettbewerb mit der freien Wirtschaft um die IT-Experten.

In der freien Wirtschaft liege das Einstiegsgehalt eines IT-Spezialisten zwischen 70 000 DM und 90 000 DM, im öffentlichen Dienst hingegen bei 50 000 DM bis 70 000 DM. Städte und Gemeinden müssten Mummert zufolge die Gehälter der IT-Fachleute erhöhen, um einen reibungslosen Ablauf der Modernisierung zu gewährleisten. So erfordere die von 91 % aller Kommunen geplante Einführung des E-Government Prozesse, die viefach nur mit Hilfe von IT-Spezialisten realisierbar seien, geht aus der Mummert und Partner-Studie zum IT-Einsatz in Kommunen hervor.

Die Accenture Studie kommt zu dem Schluss, dass die Bundesregierung eine stärkere Rolle als koordinierende Kraft bezüglich der verschiedenen Strategien und Richtlinien übernehmen solle. Dadurch könnten Online-Dienstleistungen der verschiedenen Verwaltungsebenen besser vernetzt werden. Im Idealfall würde so eine nahtlose virtuelle Verwaltung für Bürger und Unternehmen entstehen.

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