Virtueller Staatsbesuch des taiwanesischen Präsidenten
„Der stete Tropfen höhlt den Stein...meier“

Das demokratische Taiwan ist international isoliert, weil der mächtige Nachbar China die Muskeln spielen lässt, sobald sich eine ausländische Regierung mit der "abtrünnigen Provinz" im Pazifischen Ozean einlässt. Nun aber hat Präsident Chen Shui-bian trickreich das Einreiseverbot in Deutschland umgangen.

BERLIN. "Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht, aber mein Herz klopft." Sichtlich aufgeregt steht Jhy Shieh-Wey im vornehmen Hotel Ritz Carlton in Berlin auf dem Podium. Gleich wird der taiwanesische Präsident auf der Großleinwand erscheinen und mit den rund 100 Gästen in dem Berliner Hotel diskutieren. Und Jhy Shieh, -Wey Taiwans Repräsentant in Berlin, weiß genau, dass dies eine kleine diplomatische Sensation ist.

Denn obwohl sich der Inselstaat längst in eine Demokratie gewandelt hat und über eine der größten Volkswirtschaften der Welt verfügt, ist es seit langem international isoliert. Kein Präsident, kein Ministerpräsident, kein Außenminister darf wegen der westlichen Ein-China-Politik in Deutschland einreisen oder gar offiziell empfangen werden. Wo immer das kommunistische China Unterstützung wittert, wird Peking sofort mit Protesten aktiv. Denn Taiwan betrachtet es nur als abtrünnige Provinz.

"Ich darf nicht einmal zu Ihnen in Urlaub fahren", klagt Präsident Chen Shui-bian, als er dann überlebensgroß auf der Leinwand erscheint. Und sein Repräsentant in Berlin beweist sich gleich als Wortkünstler. "Es heißt doch immer, man müsse vis-a-vis reden, aber für uns heißt es "Visa, wie?". Gelächter im Saal. Nun wird der Staatsbesuch eben elektronisch simultiert. In dem Übertragungsbüro in der Hauptstadt Taipeh stehen vor dem Präsidenten die deutsch-taiwanesischen Staatswimpel wie bei einem offiziellen Besuch.

Aber Taiwans Präsident vermeidet jede weitere Kritik. Er weiß, nur noch 24 Länder weltweit erkennen sein Land diplomatisch an, meist kleine Staaten, die mit üppigen Finanzhilfen überzeugt werden. Er weiß auch, dass Chinas globaler Einfluss von Jahr zu Jahr wächst. Kaum noch jemand wagt sich der kommenden Supermacht und Uno-Vetomacht entgegenzustellen, wenn sie von Regierungen fordert, sich zwischen China und Taiwan zu entscheiden. "Leuchtturm im Schatten Chinas" heißt die Veranstaltung in Berlin deshalb. Das appelliert an das wachsende schlechte Gewissen im Westen, dass man trotz aller Wertedebatten vor allem aus wirtschaftlichen Gründen mit dem kommunistischen Land, nicht aber mit der kleinen Demokratie mit ihren 23 Millionen Einwohnern paktiert.

Da gilt es schon als Erfolg, dass jetzt Hermann Otto Solms, der liberale Vize-Präsident des Bundestages auf dem Podium sitzt. Und der CDU-Abgeordnete Wilhelm Josef Sebastian, der die etwa 60 Parlamentarier vertritt, die dem Taiwan-Freundeskreis angehören. Wieder findet der Repräsentant eine knackige Formulierung. "Wir erwarten Unterstützung von Deutschland, verfahren aber nach dem Motto: Steter Tropfen höhlt den Stein..meier." Erneut Gelächter. Jeder im Raum weiß aber, es besteht kaum eine Chance, dass die Bundesregierung oder der Außenminister von der Ein-China-Politik abrücken könnte.

Dass Taiwan nun in die PR-Offensive geht, hat einen klaren Grund. Ende des Jahres sind Parlaments-, im kommenden Jahr Präsidentschaftswahlen. Zudem will man die Chance nutzen, sich angesichts der Olympischen Spiele 2008 in Peking als das demokratische China zu präsentieren. Das müsse doch gerade bei den Deutschen Aufmerksamkeit erregen, meint Shui-bian, der ansonsten die wachsende Aufrüstung der Volksrepublik an der Küste vor seinem Land beklagt. "Es war doch der Berliner Bürgermeister Ernst Reuter, der am 9. September 1948 aus der umschlossenen Exklave West-Berlin heraus an die freie Welt appelliert hatte, den demokratischen Inseln zu helfen."

Und ein konkretes Ziel hat Shui-bian auch: Taiwan hat in diesem Jahr nämlich den Antrag gestellt, als Beobachter wenigstens in die Weltgesundheitsorganisation (WHO) aufgenommen zu werden. Zumindest hier sollen die Europäer und vor allem die deutsche EU-Ratspräsidentschaft helfen, den chinesischen Widerstand zu überwinden. Von einer Mitgliedschaft in der Uno wagt man in Taipeh gar nicht mehr zu träumen.

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