Virtuelles Hochhaus des Volkes
Bundesregierung "aufs Dach steigen"

ap BERLIN. Zimmer mit Blick auf den Berliner Reichstag sind rar und teuer. Seit Donnerstag jedoch kann sich jeder einen Raum direkt oberhalb der gläsernen Kuppel einrichten - und zwar kostenlos. Benötigt wird lediglich ein Internetanschluss und Fantasie, denn das zehn Meter oberhalb des Reichstages schwebende Haus existiert nur im Cyberspace. "Virtuelles Hochhaus des Volkes" nennt sein Schöpfer, der "Ultimedia-Künstler" Hermann-Josef Hack, sein neuestes Projekt. Zusammen mit dem CDU-Abgeordneten Rainer Eppelmann und dem Grünen-Abgeordneten Cem Özdemir eröffnete er sein Haus mit einem symbolischen Spatenstich.

"Die Menschen sollen den Politikern aufs Dach steigen", sagt Hack. Deswegen habe er für seinen "Tower of Power" die Nähe zum Reichstag gewählt. Unbürokratisch und unkompliziert könnten nun einige Millionen Menschen weltweit über Politik diskutieren. Die Menschen sollten sich hier ohne Bannmeilen in den Köpfen austauschen. Einzige Bedingung sei gegenseitiger Respekt und die Anerkennung des Grundgesetzes.

Schon 100 Zimmer vergeben

Dann kann es losgehen: Unter www.metropolis.de/tower-of-power lässt man sich bei der Tübinger Internet-Firma Metropolis registrieren und bekommt postwendend eine Zimmernummer zugeteilt. Schon drei Stunden nach Eröffnung waren am Donnerstag weit über 100 Zimmer vergeben. Anschließend soll die "Einrichtung" des Zimmers ausgesucht werden. Hätte man lieber eine Hängematte in einem braunen Raum, einen kahlen blauen Raum mit Balkon, oder ein Zimmer mit Zelt und Isomatte in gelb? Sieben Varianten stehen zur Auswahl. "Je abstrakter diese Skizzen, desto eher werden die Leute selbst kreativ", begründet Hack die spartanische Möblierung.

Jetzt folgt der schwierigste Abschnitt: Meinungen müssen geäußert werden, etwa zu dem Thema, was einem die Demokratie im Cyberspace bedeutet oder was man von Politikern erwartet. Nach Beantwortung der Fragen kann man die Zimmernachbarn kennen lernen. Zum Beispiel Flirtgirl oder Hasibaerchen, die sich gar nicht zur Politik äußern wollen. Da ist es doch schön, dass wenigstens Army 35 mitteilt: "Ich liebe euch alle". Allerdings: Mitglied muss man nicht sein, um die Gedankenwelten der Bewohner kennen zu lernen.

"Die Kreativität der Leute ist gefordert", sagt Hack. Wir bieten ein virtuelles, politisches Gruppenerlebnis." Am liebsten wolle er einen Zugang zum Bundestag schaffen. Dann könnten endlich auch die Politiker, die bislang nichts von dem Projekt wissen wollten, die Ergebnisse lesen. Er denke dabei etwa an Bundestagspräsident Wolfgang Thierse, der die Schirmherrschaft für das Projekt abgelehnt hätte, sagt Hack. Was das Interesse der Politiker angeht, ist der Schöpfer des Towers offenbar optimistischer als einige Bewohner. "Ich erwarte nichts von den Politikern", schreibt ein "Mieter".

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