Archiv
Virtuelles Trauerspiel

Da sage noch einer, amerikanische Richter sind stockkonservativ. In den USA befand jetzt ein Richter, dass es durchaus reicht, wenn ein Vater seine Tochter, die bei seiner geschiedenen Frau lebt, online via Internet zu Gesicht bekommt.

Thomas McCoy war ganz und gar nicht begeistert von der Idee seiner geschiedenen Frau, mit der gemeinsamen Tochter von New Jersey nach Kalifornien umzuziehen. Kein Wunder, würde er doch dann seine Tochter nicht mehr allzu oft zu Gesicht bekommen. 66 Tage im Jahr darf er sie laut Gesetz sehen und mit ihr verbringen. Sechs Jahre lang gab es kein Problem, nach der Trennung war die Beziehung zu seiner Ex-Frau freundschaftlich.

Doch nun hat sie einen neuen Job gefunden: Er ist besser bezahlt, sie hat flexiblere Arbeitszeiten. Ein Haus hat sie auch schnell gefunden. Es liegt dazu noch in einem Schulbezirk, der ihrem geistig behinderten Nachwuchs gerecht wird. Das Mädchen hatte schon vor der Geburt einen Hirnschlag erlitten. Die Mutter leugnete das Problem nicht. Sie bot an, eine Website einzurichten, über die Vater und Tochter kommunizieren könnten.

Das ist zuwenig, meinte Thomas McCoy und klagte. Die Richter in New Jersey gaben ihm in erster Instanz Recht und untersagten seiner Ex-Frau den Umzug. Doch in der Berufungsverhandlung zog er den Kürzeren. Denn den drei Richtern gefiel die Idee der virtuellen Begegnungen. Das Internet sei eine "kreative und innovative" Möglichkeit für den Vater, mit seinem Sprössling in Kontakt zu bleiben. Großzügig betonten sie, dass die Online-Besuche über die Website mit Web-Cams auch nicht auf die ihm zustehende Besuchszeit angerechnet würden.

Natürlich: Das Internet ist die Tür zur Welt. Ob Eiffelturm, Chinesische Mauer, Nordpol oder Broadway - sie alle sind nur wenige Mausklicke entfernt. Aber einen realen Besuch können und werden auch noch so gut gemachte Websites, Live-Cams und 3-D-Animationen nie ersetzen. Und schon gar nicht menschliche Wärme und Nähe.

Deshalb: Auch wenn so mancher in dem Urteil der US-Richter vielleicht Kreativität und Offenheit bürokratischer Instanzen gegenüber dem Fortschritt sehen mag. Ich sehe darin eher ein virtuelles Trauerspiel.

Marc Renner  Quelle: Frank Beer für Handelsblatt
Marc Renner
Handelsblatt / Chef vom Dienst
Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%