Vital in der Krise
Nicht alle Unternehmen mussten ihre Mitarbeiter kündigen

Wenn die Konjunktur schwächelt, geraten Manager unter Handlungsdruck. Doch wer in besseren Zeiten vorgesorgt hat, ist bei den Anlegern gut gelitten.

FRANKFURT. Schlechte Nachrichten können gute Nachrichten werden. Kaum ein Tag vergeht derzeit ohne eine Schlagzeile über Stellenabbau - sei es in der Chemiebranche oder bei den Technologiefirmen. Die Angst um den Arbeitsplatz ist das Thema Nummer Eins in der Kantine, und auch die Anleger sorgen sich um ihr Depot. Anlageprofis scheint das alles nicht zu irritieren: Sie haben bereits begonnen, wieder vorsichtig in die gestrauchelten Sektoren zu investieren - das ist das Ergebnis der jüngsten Umfrage der Investmentbank Merrill Lynch von August unter 268 Fondsmanagern. Einen Wechsel im "Investmentstil" hat die Studie zu Tage gefördert: Immerhin 46 Prozent der Geldverwalter gehen davon aus, dass sich die Investition in Wachstumswerte auszahlen wird; nur noch 39 Prozent setzen unbedingt auf Value-Aktien.

Aber die Profis passen auf, wer beim Firmenumbau seine strategischen Ziele nicht aus den Augen verliert. Unternehmen, die nur aus einem "Herdentrieb" heraus nur nachahmen oder übertreiben, fallen durch. Die Reihe prominenter Negativ-Beispiele ist lang: Prozyklischer Arbeitsplatzabbau wie bei Cisco ist beispielsweise kein Muster für eine gelungene Restrukturierung. Noch in den beiden vergangenen Jahren seien in der Erwartung boomender Nachfrage 12 000 neue Leute eingestellt worden, sagt Gottfried Heller von der Münchener Vermögensverwaltung Fiduka. Seit Anfang dieses Jahres würden sie nun wieder entlassen.

Heller rügt gleich noch eine Reihe weiterer Fehler: "Aktienoptionen wurden nicht als Kosten verbucht, mit überteuerten eigenen Aktien wurden wahllos neue Firmen zugekauft, und zudem wurde der Kurs durch Aktienrückkäufe künstlich hoch gehalten". Zumindest der Aktienkurs hat sich aber seit Ankündigung der Entlassungen im April stabilisiert. Analysten zeigen sich vorsichtig optimistisch: Merrill Lynch sieht in Cisco eines der Unternehmen, das als erstes von einer Erholung an den Märkten profitieren könnte. Morgan Stanley meint, durch die Entlassung von 5 000 Arbeitnehmern im vergangenen Quartal seien bereits erfolgreich die Kosten gesenkt worden.

Auch bei Siemens scheint noch keine Sonne

Auch bei Lucent, Motorola, Ericsson und Siemens könnten Entlassungen positiv zu Buche schlagen, schätzt Heller. Diese Unternehmen, sowie Philips und Infineon, sind für ihn auf dem aktuellen Kursniveau wieder kaufenswert. Auch bei MAN und ABB ist er zuversichtlich. Allerdings ist jetzt kein akuter Handlungsbedarf angezeigt - denn der Weg aus der Krise wird lang und steinig werden. Zumal, wenn wie im Fall ABB, schon die dritte Restrukturierungswelle innerhalb von zehn Jahren läuft. Auch bei Siemens sehen Analysten, wie Michael Busse von Helaba Trust, noch kein Licht am Ende des Tunnels. Mit der Restrukturierung ist aber aus Busses Sicht, der die Aktie mit "Untergewichten" bewertet, "etwas zu spät begonnen worden". Allerdings erweise sich das Unternehmen in der Krise stabiler als Lucent, Nortel oder Marconi, deren Aktienkurse teilweise 90 Prozent an Wert verloren hätten. Das liege daran, dass Siemens-Geschäftsbereiche wie Transportation Systems oder Medical Solutions noch gut laufen würden.

Tobias Bettkober, Technologiefondsmanager bei der Deka, blickt besonders kritisch auf Unternehmen, die wiederholt Leute entlassen, wie beispielsweise Nortel oder Lucent. Das wirke sich in der Regel negativ auf den Kurs aus. Zudem hätten gerade diese Unternehmen Schwierigkeiten, ihre übervollen Lager schnell abzubauen. Außerdem seien einigen dieser Firmen intern über Jahre hinweg teilweise aufgeblähte Strukturen entstanden, weil staatliche Telefonbetreiber zu den Hauptkunden gezählt hätten, sagt Bettkober.

Den Chiphersteller Infineon, der fast 15 Prozent der Belegschaft entlassen will, sieht Jürgen Wagner, Analyst bei Sal. Oppenheim, eher als Opfer der extremen Zyklen in der Halbleiterbranche. Das gilt aus Sicht von Jochen Wolf, Analyst bei der GZ-Bank, auch für Philips. Kein Zeichen für strukturiertes Handeln sei aber, dass Infineon nicht kommuniziert habe, in welchen Bereichen Arbeitnehmer entlassen werden und in welcher Höhe dadurch Kosten gespart werden sollen. Wagners Urteil zu Infineon lautet "neutral", auch wenn er sich vorstellen kann, dass die Einführung von Windows XP im Oktober die Nachfrage nach Speicherchips für PC wieder ankurbeln könnte. Aktuell hilft das dem Kurs nicht, der nach dem Absturz um die Marke von 25 Euro herum versucht, einen Boden zu finden. Als "Konglomeratsabschlag" bezeichnet Wagner die schlechtere Bewertung von Philips gegenüber Infineon.

Es gibt auch Ausnahmen

Einigen Unternehmen, wie Procter&Gamble und Reuters ist es dagegen gelungen, rechtzeitig das Ruder herumzureißen. Das Management von Nokia scheint sogar schon im Vorfeld der Krise die Weichen richtig gestellt zu haben - im Vergleich zu den Wettbewerbern muss der Konzern kaum Leute entlassen.

Auch aus dem Lager der Unternehmensberater werden Beispiele dafür genannt, dass Restrukturierungen auf ganz unterschiedlichen Wegen zum Ziel führen können. BMW wird als Meister der "stillen Prozesse" bezeichnet. Nach dem Debakel mit Rover habe man mit kleinen Schritten die Modellpolitik, das Image ("Formel-Eins-Bonus") und die Technologie optimiert. Bei Daimler-Chrysler seien dagegen "harte Maßnahmen" notwendig gewesen, um Chrysler zu stabilisieren. Zwei Ansätze, gleiche Ergebnisse: Beide Aktien sind seit dem Jahreswechsel unter Schwankungen gestiegen.

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