Viva-Chef fährt sonst BMW Z8
Rock ’n’ Roll trifft Perfektion

Schon lange hat kein Mercedes mehr so die Blicke angezogen wie der SL. Doch kann der 500 PS starke SL 600 auch den eher schrägen Geschmack von Viva-Chef und Porsche-Fan Dieter Gorny befriedigen?

"So, das isser also." Betont lässig und unbeeindruckt nimmt Viva-Chef und BMW Z8-Lenker Dieter Gorny die elegant grau-silberne Karosse in Augenschein. Geradezu unscheinbar steht sie neben diversen anderen Mercedes-Fahrzeugen an diesem sonnigen Nachmittag vor der Zentrale des Musiksenders in Köln. Understatement pur gehört beim Mercedes-Flaggschiff SL 600 zum Pflichtprogramm. Wo italienische Donnerbolzen gerne mit aggressiv- vulgärer Optik die automobile Lufthoheit schon auf dem Parkstreifen einfordern, zeigt sich der Untertürkheimer Nobelsprinter locker und entspannt.

Die Insignien der Macht sind unauffällig - aber doch unübersehbar - platziert. Ein lapidares "V 12" ziert die seitlichen Lufteinlässe und lässt selbst unkundige Passanten erahnen, was sich unter der lang gezogenen Haube abspielt, wenn der Wagenlenker den rechten Fuß senkt und 500 PS freien Lauf lässt. Für Vergessliche unter den Käufern ist die Zylinderzahl sicherheitshalber noch mal auf Fußmatten, Kopfstützen und Türschwellern verewigt. Ebenso entspannt geht es im Inneren des Zweisitzers zu. Sitz, Lenkrad und Spiegel eingestellt - der SL sitzt wie ein Maßanzug. Feinstes Leder und Wurzelholz dominieren den geräumigen Innenraum hinter dem Multifunktionslenkrad.

Ein Druck auf den Schalthebelknopf startet den Motor. Gorny fühlt sich nach wenigen Metern wie zu Hause. Schnelle Autos sind seine Leidenschaft, seit seinem ersten "Sportwagen", einem VW Corrado ("Mit 6 Zylindern!"). "Autos", sinniert er, "sind ein schöner Raum der Selbstbestimmung." Handling? Einwandfrei. Der SL gleitet souverän durch den hektischen Kölner Verkehr, Stress kommt nicht auf. Fast widerwillig räumt Gorny ein: "Mercedes baut perfekte Autos. Aber das scheidet eben auch die Geister", sagt der Porsche-Fan - vor dem Z 8 diente ein 996 Turbo als adäquates Fortbewegungsmittel.

Tatsächlich packt der SL seinen Meister in Watte. Der Motor säuselt im Normalbetrieb und lässt unter Last gerade mal ein sonores Grollen hören. Selbst ohne Windschott streift auch bei höheren Geschwindigkeiten nur ein laues Lüftchen die Frisur. Das Fahrwerk bügelt alle Unebenheiten glatt, an elektronischen Hilfen ist alles drin, was machbar ist. Die Bremsen "denken mit", ein schneller Wechsel vom Gas- aufs Bremspedal wird von der Elektronik beispielsweise als potenzielle Notsituation gewertet und vorsorglich wird der Bremsdruck erhöht. Die Lenkung reagiert direkt, aber gutmütig.

Raus aus der Innenstadt, rauf auf die Autobahn, ein langes freies Stück abwarten. Die Automatik wird von Comfort auf Sportlich gestellt, Durchzugstest: 60 km/h, Drehzahl auf gut 3 000, Vollgas: Die Maschine macht "mächtig Druck", konstatiert der Viva-Chef. "Der ist objektiv bestimmt nicht lahmer als Porsche oder Z8, aber nicht so brutal in der Kraftentfaltung." Sinnlos ist es, über den Verbrauch zu reden. 20 Liter Superplus auf 100 km saugen sich die 12 Zylinder im forcierten Fahrbetrieb leicht ein.

Das wahre Schmankerl des SL ist sein Variodach, das in nur 16 Sekunden im Kofferraum verschwindet. Ein Schauspiel - auch für Umstehende. Gorny: "Wer dieses Auto kauft, der will eben Perfektion."

Aber die fordert ihren Preis - nicht nur pekuniär. "Der SL hält seinen Besitzer weit weg von den Elementen. Ich mag das nicht so. Solche Autos - auch Porsche oder Z 8 - sind doch völlig unnötig und purer Luxus. Da sollten dann auch alle Sinne angesprochen werden, sozusagen die gesamte Erlebnispalette", philosophiert Schnellfahrer Gorny. "Mehr Motor, mehr Fahrtwind, die Straße spüren." Mit einem Grinsen räumt er ein: "Das spricht aber kaum gegen den SL - eher für meinen beknackten Geschmack." Das Design überzeugt Gorny. "Eine sehr dynamische Karosse", lobt er. Man sieht dem Wagen seine zwei Tonnen Lebendgewicht nicht an.

Aber dafür den Z 8 in die Ecke stellen? Nein. Der Viva-Macher sieht den SL eher als luxuriösen Grand Tourismo denn als Sportwagen. Das ist was für den "Manager, der zügige Fortbewegung liebt und trotzdem mit akkuratem Scheitel ankommen will."

Würde Gorny was ändern wollen? Nein. Das würde den Stil des Wagens verwässern. "So, wie er ist, ist er absolut stimmig vom Konzept her. Ein rundes Auto, an dem es nichts auszusetzen gibt." Allerdings nichts für den Auto-Puristen Gorny: "Bäriger Motor - aber eben kein Rock ?n? Roll."

Quelle: Handelsblatt

Handelsblatt-Korrespondent Axel Postinett
Axel Postinett
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