Vizechef der EZB
Lucas Papademos: Unermüdlicher Kämpfer für Stabilität

Er hat Griechenland erfolgreich in die Euro-Ära geführt. Künftig will Notenbankchef Papademos aber an der Spitze der Europäischen Zentralbank mitmischen.

Die Silvesternacht vor dem letzten Jahreswechsel verbrachte Lucas Papademos nicht im Kreis seiner Familie, sondern im Festsaal der Bank von Griechenland an der Athener Panepistimiou-Straße. Es war schließlich nicht irgendein Jahreswechsel. Mit ihm brach die Euro-Ära an. Aus diesem Anlass hatte der Notenbankchef Prominenz aus Politik und Wirtschaft zu einer rauschenden Silvesterparty eingeladen. Um Punkt Mitternacht war es so weit: Ministerpräsident Kostas Simitis zog aus einem für die Party eigens installierten Geldautomaten die ersten Euro-Scheine.

Papademos strahlte. Für ihn vollendete sich in jener Nacht ein wichtiges Kapitel seines Lebenswerks. An der Euro-Qualifikation seines Landes hatte der Zentralbankchef wesentlichen Anteil. Es ist fraglich, ob Griechenland ohne ihn den Anschluss an den Euro-Raum fristgerecht geschafft hätte.

Der Erfolg fördert die Karriere des 54-Jährigen. Am ersten Juni soll er Vize-Chef der Europäischen Zentralbank (EZB) in Frankfurt werden. Das haben die europäischen Finanzminister am Wochenende vorgeschlagen. Papademos hatte als griechischer Kandidat eine Chance, weil Frankreich darauf verzichtete, einen Nachfolger für Christian Noyer zu benennen. Sie wollen lieber im nächsten Jahr einen Franzosen auf den Präsidentenposten hieven.

Als Papademos 1994 von der damaligen sozialistischen Regierung zum Zentralbankgouverneur bestellt wurde, schien das Ziel unerreichbar, dass Griechenland die Euro-Qualifikation schaffen würde. Die Inflationsrate lag bei knapp elf Prozent, das Haushaltsdefizit erreichte 12,1 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) und die Staatsverschuldung 110,4 Prozent des BIP.

Im Gegensatz zu vielen seiner Vorgänger war der neue Notenbankpräsident nicht nur parteipolitisch ungebunden, sondern auch fachlich hoch qualifiziert. Er studierte am renommierten Massachusetts Institute of Technology (MIT) Physik, Ingenieurwesen und Volkswirtschaft. Er sammelte Notenbankerfahrungen in den USA und arbeitete sich in der griechischen Notenbank bis zum Chefposten hoch.

Die Euro-Qualifikation seines Landes sollte für ihn zur größten Herausforderung werden. Die Aufgabe schien umso schwieriger, als die Geldpolitik damals von der Regierung gemacht wurde. Die Zentralbank war nur für ihre Umsetzung zuständig. Der unermüdliche Kämpfer für Stabilität forderte von den regierenden Sozialisten finanz- und geldpolitische Solidität, Strukturreformen, den Rückzug des Staates aus der Wirtschaft und die Öffnung der Märkte.

Die unvermeidlichen Konflikte mit den Politikern meisterte er mit bemerkenswertem diplomatischem Geschick. Das 1998 verabschiedete neue Zentralbankgesetz trug in vielen Punkten seine Handschrift. Es gab dem Institut nicht nur die Unabhängigkeit von der Regierung, sondern schrieb die Verpflichtung zur Preisstabilität fest.

Mit dem Anschluss seines Landes an die Euro-Zone gewann Papademos nicht nur daheim viel Sympathie und Respekt. Der Zentralbankchef gilt als Mann der Märkte. In internationalen Finanzzirkeln und im Kreis seiner europäischen Kollegen genießt der bescheiden und verbindlich auftretende Grieche hohes Ansehen. Mit vielen von ihnen steht er in einem freundschaftlichen Verhältnis.

Mit dem griechischen Beitritt zur Währungsunion hat zwar die Athener Zentralbank die meisten ihrer Kompetenzen an die Europäische Zentralbank in Frankfurt abgetreten. Aber Papademos steckt deshalb nicht zurück. Erst kürzlich mahnte er die Deregulierung der Märkte, ein wettbewerbsfähiges Steuersystem und die Sanierung der Sozialversicherung an - Appelle, die er als Vizepräsident der EZB künftig an alle Regierungen Europas richten könnte.

Quelle: Handelsblatt

Gerd Höhler
Gerd Höhler
Handelsblatt / Korrespondent Südosteuropa
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