Völkermord
Erste Sühne für die Massaker von Srebrenica

Die Verbrechen geschahen am hellen Tag und vor vielen Zeugen. Die Täter aber rechneten damit, dass sie nie zur Rechenschaft gezogen würden. Dennoch ist am Donnerstag in Den Haag ein Verantwortlicher für die tausendfachen Morde, Misshandlungen und Vertreibungen von Moslems vom Juli 1995 bei der bosnischen Stadt Srebrenica verurteilt worden.

dpa DEN HAAG. General Radislav Krstic soll jetzt nach dem Urteil des UN-Kriegsverbrechertribunals in Den Haag mit 46 Jahren Haft für den damaligen Völkermord an Moslems büßen. Die juristische Aufarbeitung ist damit nicht abgeschlossen. Vor allem der bosnische Serbenführer Radovan Karadzic und sein Militärchef Ratko Mladic müssen noch zum Vorwurf Stellung nehmen, alles so geplant zu haben. Beide halten sich versteckt.

Was sich an den glutheißen Sommertagen vor sechs Jahren im Osten Bosniens abspielte, wird vom Begriff "ethnische Säuberungen" nur unvollkommen erfasst. In dem politischen Konzept der Serben, das dahinter steckte, war kein Platz für Menschen anderer Nationalität oder Überzeugung. Wenn sie keine Serben waren, mussten sie verschwinden, auch wenn sie seit Generationen Nachbarn waren und teilweise in die eigenen Sippen eingeheiratet hatten. Moslems und zu einem Teil auch Kroaten waren von fanatischen Nationalisten zu Feinden erklärt worden, zu deren Vertreibung und Vernichtung eine tödliche Maschinerie in Gang gesetzt wurde.

Kurzer Prozess

Zu Tausenden wurden die Unerwünschten aus ihren Häusern vertrieben, auf Flüchtlingstrecks wurden sie ausgeplündert und misshandelt. Sie sollten nie mehr dorthin zurückkehren wollen, wo sie zuhause waren. Und wenn Männer im wehrfähigen Alter aufgegriffen wurden, gab es "kurzen Prozess": Mit automatischen Waffen wurden in sieben Tagen "zwischen 7 500 und 8 000 Moslems" erschossen. Dass es sich bei den Massakern nicht um Aufwallungen des Zorns handelte, war nach Überzeugung von Ermittlern von Anfang an klar. Wie hätten sonst Busse in großer Zahl für angebliche "Evakuierung" bereit stehen können. Und wieso war schweres Erdräumgerät gerade an Stellen verfügbar, wo Massengräber gefüllt werden sollten?

Und auch eines war nach Überzeugung der Richter eindeutig: Die Vernichtung der Männer sollte verhindern, dass sich in Srebrenica jemals wieder eine eigene Moslemgemeinschaft entwickeln könnte. Dass nicht noch mehr der Tötungswut zum Opfer fielen, lag nach Ansicht der Richter nur an den Umständen - die Täter hatten keine weitere Mordkapazität mehr verfügbar.

Militärische Präzision

Die "Verfolgung von bosnisch-moslemischen Zivilisten aus politischen, rassischen oder religiösen Gründen" lag nach Überzeugung des Tribunals in Den Haag von vornherein in der Absicht der serbischen Führung. Mit militärischer Präzision sollen die Truppen unter General Krstic der Order gefolgt sein. Im Prozess meinte der Offizier zwar, dass es "kranke Geister" gewesen seien, die all dies angeordnet und durchgesetzt haben.

Die Richter folgten aber der Darlegung des Anklägers, dass der Chef des Drina-Korps über die Ziele der Aktionen Bescheid wusste. Auch wenn er seinen Beruf als Soldat liebe, wie er sagte, habe er sich im Sommer 1995 doch für das Böse entschieden. Und dabei spielte es nur noch eine untergeordnete Rolle, dass andere vielleicht noch größere Verantwortung für den Völkermord von Srebrenica hatten als er.

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