Völler blieb lieber zu Hause
Das Glück erzwungen

Nach dem Sieg gegen den AS Rom sieht sich Bayer-Coach Klaus Augenthaler in seiner Fußball-Philosophie bestätigt - und hofft, dass auch die Mannschaft endlich kapiert hat. Die Fans nutzten die Partie, um ein bisschen Rache für Rudi Völler zu üben.

LEVERKUSEN. Klaus Augenthaler gehört eher zu den Ruhigen seiner Zunft. Abfällige Bemerkungen über den Gegner sind eigentlich nicht seine Sache. Doch nach dem disziplinlosen Auftritt der ganz offenbar nicht umsonst als "Unzähmbare" titulierten "Roma" beim Leverkusener 3:1 (0:1)-Erfolg in der BayArena am Dienstagabend konnte er sich einen Kommentar dann doch nicht verkneifen. "Ich kann Rudi Völler gut verstehen, dass er nach 26 Tagen die Koffer gepackt hat, so wie die heute durch die Gegend getreten haben", analysierte er kurz und trocken - und brachte damit Völlers Nachfolger Luigi del Neri fast auf die Palme. "Herr Augenthaler sollte vor seiner eigenen Tür kehren."

Dabei hatte Augenthaler nur ausgesprochen, was an diesem aus Bayer-Sicht wieder einmal gelungenen Champions-League-Abend alle dachten. Sieht man einmal von seinem unglücklich abgefälschten Freistoßtor zur Führung und einem Freistoß an die Latte ab, war etwa Francesco Totti nur zu sehen, wenn es darum ging, gegen Schiedsrichterentscheidungen zu intervenieren. Und auch der zweite Superstar der Italiener, Antonio Cassano, tauchte völlig ab. Zeitweise desorientiert, kraft- und ideenlos präsentierte sich das Team - und dazu auch noch disziplinlos. Christian Panuccis und Daniele de Rossas ebenso grobe wie unmotivierte Fouls wurden zu Recht mit Rot geahndet. "Dass so die Nerven durchgehen, ist unverzeihlich. Es würde nicht schaden, sich ein bisschen zu schämen", schrieb die "Gazzetta dello Sport" am Mittwoch.

Den Bayer-Fans war es Recht. Sie feierten nicht nur ihre Mannschaft, sondern nutzten auch die Gunst der Stunde, um für ihren in Leverkusen nach wie vor hoch im Kurs stehenden "Ruuuuudi" eine Lanze zu brechen. "Ohne Völler habt ihr keine Chance!" skandierten sie süffisant in Anspielung auf das Intermezzo Völlers in Rom. Der ehemalige Bayer-Sportdirektor verzichtete im übrigen auf einen Besuch der BayArena beim Duell seiner Ex-Mannschaften.

Augenthaler wollte kein weiteres Öl ins Feuer gießen und beließ es bei der einen Aussage in Richtung Rom. Auch del Neris Analyse, dass seine Mannschaft auch mit zehn Mann das Spiel noch einmal hätte drehen können und sein Team gut gearbeitet habe, ließ den Bayern bei Bayer kalt. "Mir war nicht bange, dass wir das Spiel noch gewinnen können", sagte Auge mit Blick auf den Halbzeitrückstand. "Im Fußball ist es anders als beim Würfeln oder Karten spielen - man kann das Glück erzwingen. Und das haben wir heute gemacht - mit viel Disziplin und hoher Laufbereitschaft." Und mit Blick auf die am Samstag anstehende Bundesliga-Partie in Kaiserslautern und die Erfahrungen nach dem Gala-Auftritt gegen Real Madrid, dem ein Remis daheim gegen Nürnberg und eine deutliche Niederlage in Stuttgart folgten, legte der Bayer-Coach vorsichtig nach: "Ich hoffe, die Mannschaft hat jetzt wieder kapiert wie Fußball geht. Aber ich werde es ihnen am Mittwoch und am Donnerstag und am Freitag noch mal sagen. Und dann ist es vielleicht in den Köpfen drin." Zeit wäre es. Denn Platz neun in der Bundesliga reicht nicht, um die Fans auch in Zukunft mit schönen Champions-League-Abenden zu verwöhnen.

Marc Renner  Quelle: Frank Beer für Handelsblatt
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