Völler-Team braucht einen Punkt
Am Scheideweg

Vor dem entscheidenden Gruppenspiel gegen Kamerun zeigt die deutsche Elf Anspannung nur bei den Dehnübungen. Doch der Afrika-Cup-Gewinner ist nicht zu unterschätzen.

Am Montag hieß es packen im deutschen Lager, und zwar im ganz großen Stil. Die TV-Leute packten ihre technischen Geräte ein, die Köche ihre Siebensachen und die Nationalspieler ihren Koffer. Letztere hatten dabei ein Problem: "Die Hemden und die Hosen zusammenzulegen, ist nicht so angenehm, vor allem wenn meine Frau nicht dabei ist", meinte Teamchef Rudi Völler nur halb im Spaß.

Das erste Reiseziel stand fest: Es ging nach Shizuoka, zum letzten Vorrundenspiel gegen Kamerun. Dort steht die deutsche Elf am Scheideweg, denn dort fällt am Dienstag ab 13.30 Uhr die Entscheidung über die weitere Reiseroute. Fliegen Rudi Völlers Mannen zur koreanischen Hochzeitinsel Jeju - im Gepäck frisch gewaschene Hemden und die Gewissheit, das Minimalziel Achtelfinale erreicht zu haben? Oder jetten sie auf direktem Weg zurück ins heimelige Frankfurt, mit der Gewissheit, dort in den Medien als Versager beschimpft zu werden und sich im Sommerloch der Diskussion über den allgemeinen Zustand der deutschen Fußballnation stellen zu müssen?

Die blickt gebannt nach Shizuoka, wo der Nationalmannschaft im "Sechzehntel-Finale" (Rudi Völler) ein Unentschieden reicht, um als Gruppenerster ins Achtelfinale einzuziehen. Dort könnte die Elf - nach dem momentanen Stand in den jeweiligen Gruppen - entweder auf Südafrika oder Paraguay treffen, im Viertelfinale dann vielleicht auf den Sieger der Partie Mexiko gegen Südkorea. Keine unlösbaren Aufgaben also. Denn dass Völlers Mannen gegen vermeintlich schwächere Gegner vor allem dank ihrer Kopfballstärke gewinnen können, haben sie schon oft genug bewiesen. Daher wäre also das Erreichen des Halbfinales gut möglich.

Business as usual für den Teamchef

Aber was passiert im "Worst Case", sprich bei einer Niederlage gegen Kamerun und dem dann fast sicheren sofortigen Ausscheiden? "Dann fliegen wir heim", meinte DFB-Präsident Gerhard Mayer-Vorfelder trocken. Personell werde sich nichts ändern, "wir stellen niemanden in Frage". Also können Völler und Michael Skibbe selbst entscheiden, ob sie weitermachen wollen oder nicht. Ihr Vertrag läuft zwar bis 2006, aber die Schmach, als erster Trainer einer deutschen Auswahl eine WM-Vorrunde nicht überstanden zu haben, wäre eine schwere Bürde - selbst für den in der Öffentlichkeit allseits beliebten Völler.

Der Betroffene selbst sagte das, was Trainer in solchen Situationen immer sagen: "Was soll ich mir über Dinge Gedanken machen, die weit weg sind?" Die Fragen nach seiner Zukunft kenne er alle schon aus der Zeit vor den Relegationsspielen gegen die Ukraine. Business as usual für den Teamchef, zumindest nach außen. Denn dass die Anspannung in den vergangenen Tagen enorm gestiegen ist, sei überall zu spüren, so der Bremer Marco Bode, "etwa bei den Dehnübungen".

Völler hob hervor, dass er aus dem Vollen schöpfen könne: "Alle Spieler sind einsatzbereit." Denn neben dem "Torköpfer" vom Dienst Miroslav Klose könne auch der ebenfalls angeschlagene Christoph Metzelder eingesetzt werden. Fragt sich nur, ob Völler den jungen Dortmunder überhaupt bringen will. Angeblich sollen Marco Bode und auch Marko Rehmer zu Anfang auflaufen. Dies jedenfalls pfiffen die Kiebitze von den Dächern des Trainingsplatzes. Völler selbst hatte vor und während der WM immer und immer wieder davon gesprochen, dass sich ein Team während eines solchen Turniers immer ändert, sei es auf Grund von Verletzungen, taktischen Veränderungen oder Formschwankungen. Nun ist es an der Zeit, diesen Worten Taten folgen zu lassen.

Oliver Bierhoff würde sich am liebsten selbst ins Spiel bringen. Er sehe sich als Punktsieger gegenüber Carsten Jancker, seinem direkten Widersacher um die zweite Stürmerposition, erklärte er.

Die Löwen sind in der Abwehr verwundbar

Die Frage ob Völler in der Defensive nun mit Dreier- oder Viererkette spielen lässt, sorgte lange für Diskussionsstoff unter den Journalisten vor Ort. Soll man die Abwehr stärken und auf ein Unentschieden spielen, oder ist der Angriff die beste Verteidigung? Der Gegner jedenfalls, so haben Rudis Spione festgestellt, hat seine Schwächen auch in der Abwehr.

Diese hat Winfried Schäfer, seit September vergangenen Jahres Trainer der "Löwen", noch nicht ganz abstellen können. Dennoch wird Kamerun seit dem Gewinn des Afrika-Cups und dem 2:2-Unentschieden in einem Freundschaftsspiel gegen Argentinien als Geheimfavorit gehandelt. Staatschef Paul Biya zeichnete Schäfer als ersten Deutschen mit dem "Orden des Löwen" aus. Auch wenn Schäfer noch zweifelt, ob sein Team schon reif für den Titel ist, sagt er: "Wenn es ein afrikanisches Land schafft, dann wir." Der Titel würde sich auf finanziell lohnen. Die Guinness Africa Brauerei hat dem ersten WM-Sieger des schwarzen Kontinents eine Million Dollar Prämie versprochen.

Gewonnen haben die Kameruner schon jetzt die Sympathien der Gastgeber. Der Hauptgrund liegt in ihrer Locker- und Offenheit. Ein Comic-Werbespot des Ausrüsters Puma mit den selbst ernannten "Unzähmbaren Löwen" läuft rauf und runter im japanischen Fernsehen: In dem martialischen Spot besiegen die "Löwen" in einem Fußballspiel zunächst ein Team aus dunklen Unholden, die ihnen die Trikotärmel abreißen, und verwandeln sich zum Schluss, na klar, in einen Puma. Nicht gerade subtil, aber anscheinend erfolgreich.

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