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Völler zweifelt an seiner EM-Elf

Kaiserslautern (dpa) - Rudi Völler wollte die letzte Gewissheit, doch stattdessen bekam er nur neue Zweifel. Die blamable 0:2-Pleite bei der EM-Generalprobe gegen Ungarn traf den Teamchef der deutschen Fußball-Nationalmannschaft hart und völlig unerwartet.

Kaiserslautern (dpa) - Rudi Völler wollte die letzte Gewissheit, doch stattdessen bekam er nur neue Zweifel. Die blamable 0:2-Pleite bei der EM-Generalprobe gegen Ungarn traf den Teamchef der deutschen Fußball-Nationalmannschaft hart und völlig unerwartet.

«Ich dachte, uns könnte so etwas nicht passieren», gestand Völler, nachdem seine Schützlinge gegen die von Lothar Matthäus bestens eingestellten Magyaren in 90 desolaten Minuten zerstört hatten, was zuvor in zwölf Tagen EM-Vorbereitung mühsam aufgebaut wurde: Hoffnung und Zuversicht auf ein halbwegs erfolgreiches Turnier in Portugal.

«Rudi war sehr enttäuscht, und das ist schlimmer, als wenn er verärgert wäre», schilderte Jens Nowotny die Gemütslage Völlers, als dieser in der Umkleidekabine des Fritz-Walter-Stadions die 23 EM-Fahrer mit einer kurzen Ansprache in den zweitägigen Heimaturlaub entließ. Während Kahn, Ballack & Co bis zum Abflug nach Faro ausspannen und ihre berufliche Zukunft beim FC Bayern oder anderswo klären sollen, will der Teamchef seine Personalpolitik noch einmal auf den Prüfstand stellen.

«Sicher hatte man schon so ein bisschen eine Formation im Kopf, doch nach einem Spiel wie diesem macht man sich seine Gedanken», räumte er offen Bedenken ein, ob er bislang im Hinblick auf den EM-Ernstfall am 15. Juni gegen die Niederlande auf die richtigen Leute gesetzt hat: «Der eine oder andere muss mir schon noch etwas anbieten.»

Angesprochen fühlen dürfen sich in erster Linie der in ein unerwartetes Formtief geratene Torsten Frings, der nicht souverän genug agierende Abwehrchef Jens Nowotny und vor allem die gesamte Abteilung Angriff. «Wir machen einfach zu wenig Tore. Das ist ja nicht erst seit heute so», sprach Völler erstmals offen von einer chronischen Sturmschwäche. Für den vakanten Platz neben dem gesetzten Stuttgarter Kevin Kuranyi, der wegen Rückenproblemen gegen Ungarn geschont wurde, drängte sich aus dem vorhandenen Quartett keiner auch nur annähernd auf. Am allerwenigsten Miroslav Klose, dem die Rolle eigentlich zugedacht war. Doch der hinter Ronaldo zweitbeste Torjäger der WM 2002 hinterließ in allen drei Testspielen den betrüblichen Eindruck, dass er bis zur EM wohl nicht mehr die Form und Treffsicherheit vergangener Tage erreicht.

Bleibt die Wahl zwischen Fredi Bobic, Thomas Brdaric, der ziemlich exklusiv von einer «hohen Qualität in unserem Angriff» redete, und Youngster Lukas Podolski. Der 19-jährige Kölner riss zwar bei seinem Kurzdebüt ebenso wenig Bäume aus wie der gleichaltrige Bastian Schweinsteiger, beide aber waren wenigstens kleine Lichtblicke in einer ansonsten erschreckend leidenschaftslosen Mannschaft. «Der deutsche Fußball ist nur dann konkurrenzfähig, wenn er an die Leistungsgrenze geht - in allen Bereichen: Laufbereitschaft, Einsatz, Kampf», monierte DFB-Präsident Gerhard Mayer-Vorfelder die lasche Berufsauffassung.

«Wir hatten nicht die hundertprozentig richtige Einstellung», pflichtete Kapitän Oliver Kahn dem Verbandschef zwar bei, mit einem sarkastischen Unterton fügte er jedoch an: «Bei der EM wird das keine Rolle spielen, denn ich kann mir nicht vorstellen, dass wir dort einen Gegner unterschätzen.» Im Gegensatz zu seinen Kollegen zeigte Kahn wenigstens nach dem Schlusspfiff noch eine professionelle Einstellung, als er sich trotz des gellenden Pfeifkonzerts von den deutschen Fans verabschiedete. Alle anderen waren - aus Gedankenlosigkeit oder Gleichgültigkeit - schnurstracks in die Umkleidekabine geflüchtet.

Bis zum Wiedersehen, so die Hoffnung im deutschen EM-Lager, wird der öffentliche Unmut über «das Wunder von Kaiserslautern» (Matthäus) verraucht sein. «Es wäre das Dümmste, wenn wir uns jetzt zerfleischen», warnte Kahn. Vielmehr müsse man «der Mannschaft vor Augen führen, dass sie als zweitbeste Mannschaft der Welt nach Portugal fährt». Auch Völler sah keine Veranlassung für eine Grundsatzdebatte, wie sie nach dem 1:5-Debakel vor sechs Wochen in Rumänien geführt wurde. «Wir alle arbeiten auf den Tag X hin. Der war nicht gegen Ungarn, der ist nächste Woche gegen die Niederlande», meinte der 44-Jährige und prophezeite: «Für uns sieht die Zukunft nicht so schwarz aus wie sie der ein oder andere jetzt malen wird.»

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