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Völlers Abgang mit Stil

Almancil (dpa) - Rudi Völler ging mit Stil und einem geplatzten Traum. Zu gern hätte der 44-Jährige die deutsche Nationalmannschaft bei der WM 2006 im eigenen Land betreut, doch nach dem sieglosen Vorrunden-Aus bei der EM in Portugal unterwarf sich der Vollprofi den Gesetzmäßigkeiten der Branche.

Almancil (dpa) - Rudi Völler ging mit Stil und einem geplatzten Traum. Zu gern hätte der 44-Jährige die deutsche Nationalmannschaft bei der WM 2006 im eigenen Land betreut, doch nach dem sieglosen Vorrunden-Aus bei der EM in Portugal unterwarf sich der Vollprofi den Gesetzmäßigkeiten der Branche.

«Ich hätte gerne weiter gearbeitet, denn wir waren eine verschworene Gemeinschaft, aber hier wäre Egoismus der falsche Freund gewesen», räumte Völler ein, wie schwer ihm der Entschluss gefallen ist. Doch letztlich fand er keine schlagkräftigen Argumente mehr für einen Verbleib: «Ich hatte das Gefühl, dass die WM im eigenen Land nur jemand machen kann, der unbefleckt ist und der einen gewissen Kredit hat.»

Voraussetzungen, wie «Rudi Nazionale» sie selbst hatte, als er vor vier Jahren nach dem EURO-Desaster den damals entlassenen Erich Ribbeck beerbte. In der folgenden vierjährigen Amtszeit hat Trainer- Lehrling Völler im Zeitraffer alle Höhen und Tiefen dieses Berufs erlebt. Als Verlegenheitslösung geholt, als Glücksfall und Vize- Weltmeister frenetisch gefeiert, am Ende aber doch viel früher als noch vor Wochen gedacht gescheitert. Nur Ribbeck hatte sich auf dem bedeutendsten deutschen Trainerstuhl schneller verschlissen.

Riesig war der Rückenwind, als Völler am 16. August 2000 in Hannover mit einem 4:1-Sieg gegen Spanien sein Amt antrat. Der Glaube an die DFB-Auswahl war in nur 90 Minuten zurückgekehrt, die Nationalelf wurde wieder salonfähig. Den Höhepunkt erreichte die «Rudimanie» vor zwei Jahren mit dem sensationellen Einzug ins verlorene WM-Finale gegen Brasilien. Obwohl am Ende ohne Titel, feierten Zehntausende die Nationalmannschaft auf dem Frankfurter Römer und sangen berauscht: «Es gibt nur ein' Rudi Völler!»

Doch es dauerte nicht lange, bis erste Kratzer das Denkmal Völler beschädigten. Die Leistungen und Resultate der Mannschaft wurden bedenklicher, der Teamchef immer dünnhäutiger. Unvergessen bleibt sein «Scheißdreck»-Auftritt nach dem 0:0 im EM-Qualifikationsspiel in Island, als er im Fernsehstudio vor einem Millionen-Publikum ausrastete. «Ich habe mein Pulver in einer einzigen Aktion verschossen. Ein zweites Mal wäre dies nicht gegangen, obwohl ich manchmal nahe dran war», räumte er den unbeherrschten Gefühlsausbruch am Donnerstag rückblickend als Fehler ein, obwohl er sogar dafür von den deutschen Fans mit Beifall bedacht worden war.

«Ich möchte diese vier Jahre nicht missen, sie waren ein Meilenstein in meiner Karriere», sagte Völler zwölf Stunden nach der 1:2-Pleite gegen Tschechiens Reservisten in Lissabon. Unmittelbar nach dem Schlusspfiff hatte Völler den Rücktritt bereits innerlich vollzogen. Doch die Körpersprache ließ erahnen, was in der Nacht zur Gewissheit wurde. Völler ging auf den Platz, bedankte sich mit einem Handschlag bei seinem Kapitän Oliver Kahn, beorderte die Mannschaft zum Abschiedsgruß vor den deutschen Fanblock und marschierte selbst vorneweg. Doch auch der Beifall der Fans, der viel markanter war als die Pfiffe einiger Enttäuschter, konnte Völler von seinem für den Fall des Scheiterns anscheinend bereits vor Turnierbeginn gefassten Entschluss abbringen. Realitätssinn und konsequentes Vorgehen bestimmten sein Handeln als Teamchef bis zum bitteren Ende.

So ganz loslassen aber will und kann Völler auch in Zukunft nicht vom DFB, der ihm eine zweite Heimat geworden ist. «Ich ziehe mich nicht schmollend zurück. Ich will nicht auswandern, ich bin ein DFB - Junge, ein Nationalmannschafts-Junge.» Und am großen WM-Traum will er doch noch irgendwie teilhaben: «Ich will in zwei Jahren auf der Tribüne die Daumen drücken.»

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