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Völlers Lob: Pasta-Party und ein freier Nachmittag

Porto/Almancil (dpa) - Der Ausgleich schmerzte auch am Tag danach - doch Stolz und Genugtuung waren stärker. Das 1:1 gegen Erzrivalen Niederlande werteten die deutschen Nationalspieler als Sieg über die eigenen Selbstzweifel und als Kampfansage an den Rest von Fußball-Europa.

Porto/Almancil (dpa) - Der Ausgleich schmerzte auch am Tag danach - doch Stolz und Genugtuung waren stärker. Das 1:1 gegen Erzrivalen Niederlande werteten die deutschen Nationalspieler als Sieg über die eigenen Selbstzweifel und als Kampfansage an den Rest von Fußball-Europa.

«Wir sind hierher gefahren wie die Deppen und haben gegen die großen Holländer ein Superspiel gemacht», beschrieb Torsten Frings die Stimmung im Lager des Vize-Weltmeisters.

«Der Maßstab ist gesetzt, der Erwartungshorizont wird jetzt höher. Man kann nach diesem Spiel davon ausgehen, dass wir die Vorrunde überstehen. Das Ziel Halbfinale gilt», jubilierte DFB-Präsident Gerhard Mayer-Vorfelder, beseelt von den Freudengesängen der über 15 000 deutschen Fans im Estadio Dragao. Ebenso euphorisch präsentierte sich Bundestrainer Michael Skibbe, der sogar vom Titel sprach: «Für uns ist die EM noch lange nicht vorbei. Wie schon vor zwei Jahren bei der Weltmeisterschaft ist für uns hier vieles und sogar alles möglich.»

Angesichts derart grenzenloser Zuversicht hatte Teamchef Rudi Völler alle Mühe, die Realitäten in Erinnerung zu rufen. «Wir dürfen nur eins jetzt nicht machen, uns darauf auszuruhen und denken, dass es jetzt von alleine so weiter geht», sagte er den Spielern nachts um zwei Uhr bei der Pasta-Party im EM-Quartier, zu der auch die Spielerfrauen eingeladen wurden. Nach einem lockeren Auslaufen, an dem alle Spieler beschwerdefrei teilnahmen, gab er den Profis bis 23 Uhr frei.

«Wir dürfen jetzt nicht denken, dass wir schon etwas Tolles geleistet haben. Wir sind weiter gut im Rennen. Nicht mehr, aber auch nicht weniger», warnte Völler, der während der hoch brisanten Partie wie das legendäre HB-Männchen an der Seitenlinie beinahe ununterbrochen Dampf abgelassen hatte und hinterher schweißgebadet von den deutschen Anhängern gefeiert wurde.

Tatsächlich dürfte die im Vorfeld nur als Außenseiter gehandelte deutsche Mannschaft nicht nur die 23 Millionen TV-Fans zu Hause - die höchste Quote seit dem WM-Finale vor zwei Jahren - beeindruckt haben, sondern auch die Konkurrenz. Auch für Völler zählte die Signalwirkung, die die deutsche Demonstration mannschaftlicher Geschlossenheit hatte, ausnahmsweise mehr als das nackte Resultat. «Es ist das passiert, woran ich immer geglaubt habe. Weil wir alle wussten, dass wir diese Qualitäten haben», kommentierte Völler die Gabe, dass die DFB-Auswahl beim EM-Beginn ein ganz anderes Gesicht zeigte als in den Testspielen zuvor.

Der angestrebte Einzug ins Viertelfinale steht aber nach dem späten Gegentor von Ruud van Nistelrooy (81.), der die Führung durch den künftigen Bayern-Spieler Torsten Frings (30.) ausglich, weiterhin auf wackligen Füßen. «Es war ein guter Auftakt, mehr nicht. Wir müssen das jetzt bestätigen», sagte Dietmar Hamann vor der Partie gegen Lettland und dem Gruppenfinale gegen Tabellenführer Tschechien.

Auch in diesen beiden Spielen setzt Völler in erster Linie auf Team- und Kampfgeist - und möglicherweise wieder auf die gegen die Niederländer praktizierte Ein-Sturm-Taktik. Kapitän Oliver Kahn plädierte unverhohlen für die Beibehaltung des Abwehrbollwerks auch gegen die lettischen Underdogs. «Es gibt eigentlich keinen Grund, diese Taktik zu verändern. Ich glaube nicht, dass wir uns von diesem Stil noch einmal abbringen lassen», sagte der Keeper an seinem 35. Geburtstag: «Mit unseren Spielern ist es das Allerwichtigste, dass wir hinten kompakt stehen. Das ist das Spiel, das wir hier bei dieser EM zeigen müssen. Dann wird es ganz, ganz schwierig, uns zu schlagen.»

Nur einer im deutschen Team war auch am Tag danach unglücklich und untröstlich: Fabian Ernst. Der Bremer redete gar nicht lange um den heißen Brei herum und nahm die Schuld für den Gegentreffer, den er mit einem Ballverlust kurz nach seiner Einwechslung eingeleitet hatte, auf seine Kappe. «Ich kann mich nur bei der Mannschaft entschuldigen», sagte der EM-Debütant, der erkennen musste, wie unbarmherzig kleinste Fehler auf höchstem Niveau bestraft werden. Dies zeigte aber auch die Nachteile der DFB-Mannschaft und den Unterschied zu den Holländern: Die wurden mit jeder Einwechslung stärker, das deutsche Spiel verlor mit jeder Auswechslung an Stabilität.

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