Volks- und Raiffeisenbanken stecken mitten im Umstrukturierungsprozess
Genossen legen hohes Fusionstempo vor

Der genossenschaftliche Bankenverbund werde als einer der Sieger aus der gegenwärtigen Etragskrise der Kreditwirtschaft hervorgehen - das glaubt DZ-Bank-Chef Ulrich Brixner. Ein Zusammengehen mit Sparkassen oder Privatbanken lehnen die Kreditgenossen ab. Sie fühlen sich stark genug als "dritte Säule".

HB FRANKFURT. Gegenwärtig ist es weitgehend egal, welche der drei Bankengruppen man sich zu einer Bestandsaufnahme herausgreift. Die Bilder gleichen sich zu stark: Denn sinkende Erträge, mühsam beherrschte Kosten und eine aus dem Ruder laufende Risikovorsorge für allzu expansiv und sorglos ausgegebene Kredite und angehäufte Wertpapierbestände belasten sowohl private wie auch öffentlich-rechtliche und genossenschaftlich organisierte Banken der Bundesrepublik.

"Die deutsche Kreditwirtschaft und damit auch die Genossenschaftsbanken befinden sich derzeit in schwierigem Fahrwasser", erklärte der Präsident des Bundesverbandes der deutschen Volksbanken und Raiffeisenbanken (BVR), Christopher Pleister, vor kurzem in einem Interview.

Entscheidung für die Zukunft

Entscheidend für die Zukunft wird nun sein, welche Banken das Ruder schnell genug herumwerfen können. Die Genossenschaftsbanken haben sehr früh zukunftsweisende Maßnahmen ergriffen. Bereits 1999 wurde zusammen mit der Unternehmensberatung A.T. Kearney das Strategiepapier "Bündelung der Kräfte" entwickelt. Die Sparkassenorganisation hat ein ähnliches Projekt erst in diesem Jahr auf die Beine gestellt.

Kern des Strategiepapiers ist die Stärkung der lokalen Volks- oder Raiffeisenbank vor Ort. Vor allem soll das Netz der Ortsbanken in den Marktgebieten reduziert werden. Darüber hinaus sind eine stärker koordinierte Marktbearbeitung sowie die Optimierung und Straffung der Produktpalette bis hin zu Überlegungen hinsichtlich der Zusammenfassung der regionalen Verbände zu einem großen genossenschaftlichtlichen Dachverband geplant.

Vieles ist bereits erreicht oder auf gutem Weg: Die Zahl der Ortsbanken nimmt schneller ab als angenommen. "Wenn das Fusionstempo von über 200 Zusammenschlüssen pro Jahr anhält, sind wir deutlich vor 2007 bei der geplanten Größenordnung", sagte Pleister. Im Strategiepapier "Bündelung der Kräfte" wurde festgelegt, die Zahl auf 800 bis 1000 Institute bis zum Jahr 2007 zu reduzieren.

Im Jahr 2001 sank die Zahl der genossenschaftlichen Institute leicht von 1794 Ende 2000 auf 1621. Zum Vergleich: Im Jahr 1970 gab es in Deutschland noch 7092 Institute, Anfang der neunziger Jahre immerhin noch über 3000. Damit sind die Kreditgenossen die mit Abstand am meisten zersplitterte Bankengruppe in Deutschland. Die Zahl der ebenfalls in der Fläche im Privatkundengeschäft aktiven Sparkassen ist bereits auf rund 550 gesunken.

Ziel des Fusionsprozesses bei den Kreditgenossen ist es, Mehrfachpräsenzen zu bereinigen und die Banken zu den dringend notwendigen Betriebsgrößen auszubauen. Einen Rückzug aus der Fläche werde es aber nicht geben, betonte Pleister: "Wir müssen an jedem relevanten Marktplatz mit einer selbstständigen Volksbank vertreten sein."

Vereinheitlichung schreitet voran

Auch die notwendige Vereinheitlichung auf Zentralbank- und Verbandsebene schreitet voran. Die Notfusion der DG Bank und GZ-Bank zur DZ Bank im vergangenen Jahr wird mehr und mehr abgearbeitet. Und DZ-Bank-Chef Ulrich Brixner denkt bereits öffentlich über Sinn und Unsinn eines Zusammenschlusses mit der letzten verbliebene Zentralbank, der Düsseldorfer WGZ, nach. Auch wenn dafür "noch nicht der richtige Zeitpunkt sei", wie er sagte.

Unter den Regionalverbänden reift die Einsicht, Dinge stärker gemeinsam in Angriff nehmen zu müssen. Die Bestrebungen im Süden und Westen sind hierfür ein deutliches Zeichen, auch wenn der Zusammenschluss des westfälischen mit dem rheinischen Verband alles andere als lautlos über die Bühne ging und im Rücktritt des rheinischen Verbandspräsidenten Claus Peter Mossler gipfelte.

Allerdings gehen vielen regionalen Präsidenten die Überlegungen und Bestrebungen des Bundesverbandes zu einen Einheitsverband ein bisschen zu weit. Zum einen sei die Frage, wie groß ein Verband denn eigentlich sein müsse, um seine Aufgaben wie Prüfung und Beratung bestmöglich erfüllen zu können, sehr differenziert zu betrachten, heißt es. Zum anderen gebe es neben tatsächlichen Zusammenschlüssen vielfältige Möglichkeiten der Kooperation.

Größe führt nicht zwangsläufig zu mehr Nutzen

Dass Größe nicht zwangsläufig zu mehr Nutzen für die genossenschaftliche Organisation führe, zeige sich ja auch am Beispiel der DZ Bank, sagen manche Kritiker. Das Spitzeninstitut zahlt die Zeche für einen expansiv geführten Wettbewerb in der Vergangenheit, auch unter den Zentralbanken selbst, und stellt die genossenschaftliche Solidarität auf eine harte Probe. So wurden die Verbundtöchter Schwäbisch Hall und R + V Versicherung über Sonderausschüttungen zur Kasse gebeten. Die Ortsbanken und auch wiederum die Verbundunternehmen zeichneten mühsam eine Kapitalerhöhung über 480 Mill. Euro und sollen nun auch noch über den Kauf von Anteilen an den Verbundunternehmen Union Fonds Holding, Schwäbisch Hall und R + V zur weiteren Stärkung der DZ Bank beitragen - ein schwieriges Unterfangen angesichts der ebenfalls nicht gerade rosigen Finanzlage der Ortsbanken.

Eine solche Beteiligung der Volks- und Raiffeisenbanken kann aber zu mehr Verbundtreue führen. "Wer an einem Unternehmen beteiligt ist, geht weniger fremd," lautet das Argument führender Genossenschaftsvertreter.

Ein wichtiger Meilenstein in der Zukunftsstrategie der Genossenschaftsbanken ist die Reform der Sicherungseinrichtung. Künftig werden die Banken nach ihrer Bonität in acht verschiedene Klassen eingeteilt und entsprechend in die Institutssicherung einzahlen. Banken mit schlechter Bonität zahlen mehr als Banken mit guter Bonität, da bei ersteren die Wahrscheinlichkeit eines Inanspruchnehmens höher erscheint. Die Mitgliederversammlung soll das Konzept Anfang Dezember verabschieden.

Allerdings regt sich unter den regionalen Genossenschaftsverbänden Zweifel an der Sinnhaftigkeit der neuen Sicherungseinrichtung. Verbände bezweifeln, ob es richtig ist, das zentrale Sicherungssystem so auszurichten, dass es bei der Beitragsbemessung nur noch auf die Einstufung der Banken ankommt, und nicht mehr auf die vorbeugende Prüfungsarbeit und regionale Betreuungskompetenz des Verbandes.

Mit all diesen Maßnahmen sehen sich die Genossenschaftsbanken in diesen schwierigen Zeiten auf dem richtigen Weg. Der genossenschaftliche Verbund werde als einer der Sieger aus der gegenwärtigen Krise hervorgehen, betonte zum Beispiel DZ-Bank-Chef Brixner dieser Tage. Ein Zusammengehen mit Sparkassen oder Privatbanken lehnen Kreditgenossen strikt ab. Sie fühlen sich stark genug für eine eigenständige Zukunft als dritte Säule.

Quelle: Handelsblatt

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